50 Dentsqhes Reich. (Januar 18.—19.)
glaube aber auch gar nicht, daß es zweckmäßig wäre, diese Reform zu verschieben,
und daß gerade für diejenigen, die dieser Reform gar nicht so
sehr günstig gegenüberstehen, aus einer Verschiebung etwas herauskommen
würde. Denn solche Verschiebungen haben nur die Folge, daß die Forderungen
auf der andern Seite noch radikaler werden. Das haben wir immer
erlebt, und das können Sie jetzt schon in dieser Sache erleben. Heute sind
selbst in den Kreisen, die früher noch dem Klassenwahlrecht anhingen, viele
der Ueberzeugung geworden: mit diesem Klassenwahlrecht ist überhaupt
nichts zu machen, es ist vollkommen abgewirtschaftet, es muß ganz anders
estaltet werden. Je länger Sie die Sache verzögern, sei es durch die
Schu# der Regierung oder der Parteien des Hauses, desto radikaler wird
das Wahlrecht werden. Die Immediatkommission ist aufgehoben worden.
Sie ist also an der Aufgabe, eine umfassende Reform unfrer Verwaltungsorganisation
in Vorschlag zu bringen und eine Vereinfachung der Verwaltung
herbeizuführen, gescheitert. Wir bedürfen aber der Vereinfachung
der Verwaltung. Auch auf dem Gebiete der Kommunalverwaltung stehen
wichtige Aufgaben bevor. Da ist es vor allem die Minderung des Umfangs
der Staatsaufsicht. Sie ist zwar nicht ganz zu entbehren, aber diese
Aufsicht kann in der Zentralinstanz geführt werden. Man sollte die Kommunalverwaltung
ausdehnen. Jetzt haben aber große Orte noch Landgemeindeverfassung.
Die Zusammensetzung des Kreistages entspricht auch
nicht den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Die Städte sind
benachteiligt. Nach wie vor bestehen wir auf einer Reform der Schulverwaltung.
Den Städten muß eine größere Einwirkung auf den Schulbetrieb
zustehen. Das jetzige System ist unhaltbar. Der Beruf erzieht den
Beamten zu einer gewissen Einseitigkeit; man sollte Organisationen schaffen,
in denen die Bevölkerung und die Beamten zusammenarbeiten. Gewissen
öffentlichrechtlichen Korporationen, wie Landwirtschafts-= und Handelskammern,
sollte man manche Geschäfte stantlicher Natur übertragen. Das
Beamtentum ist in allen Ländern der Welt der ruhende Pol in der Erscheinungen
Flucht. Das ist durchaus notwendig. Aber in gewissen Kreisen
wird es geradezu zu einem Sport, absprechend über unser Beamtentum zu
urteilen und es für bürokratisch zu erklären. Unser Beamtentum ist ein
wichtiger Faktor unserer Kultur gewesen. Bei der Besetzung der leitenden
Posten der innern Verwaltung trägt man leider politische Einseitigkeit
hinein. Das kann kein Zufall sein, sondern ist bewußte Auslese. Hier muß
dem Tüchtigen freie Bahn werden. Der Geist der innern Verwaltung muß
anders werden. Als Vorsitzende der Kriegswirtschaftsämter sollen Offiziere,
die landwirtschaftliche Erfahrung haben, wirken. Da wird man kaum die
nötigen Sachverständigen finden. Daß keine neuen Kreisschulinspektorstellen.
eingesetzt sind, ist gerade jetzt im Krieg bedauerlich. Beim Religionsunterricht
der Dissidentenkinder handelt es sich um eine wirkliche Gewissensnot
eines Teiles unserer Bevölkerung. Die Unterrichtsverwaltung muß die
Sache mit festem Willen durchführen. Unsere Wünsche und Anregungen
können jetzt natürlich nicht so gewertet werden wie im Frieden. Sie treten.
zurück gegenüber der großen Frage der Erringung des Sieges über
unsere Feinde. Wir wissen, was uns bevorsteht, wenn wir diesen Sieg
nicht erringen. Der Wahnsinn unserer Feinde, die es uns nicht vergeben
können, daß wir nach jahrhundertelanger Ohnmacht uns politisch und wirtschaftlich
zu einer der größten Weltmächte emporgearbeitet haben, zwingt
auch uns, ohne jede Rücksicht von jedem tauglichen Kriegsmittel Gebrauch
zu machen, wenn wir der eigenen Vernichtung entgehen wollen. Wir haben
nicht die Absicht, irgendeinem Volk, das uns nicht als Feind entgegengetreten
ist, Schaden zuzufügen, aber wir müssen von jedem billigdenkenden