Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beutsches  Keich.  (Januar  18.—19.)  53

unfere  patriotische  Gesinnung  an.  Wir  verbitten  uns  so  etwas!  Wir  danken
dem  Reichskanzler  dafür,  daß  er  mit  der  Arbeiterschaft  Fühlung  gesucht
hat.  Wie  hätte  das  Hilfsdienstgesetz  ohne  sie  durchgeführt  werden  können!

Auf  Einzelheiten  des  Etats  kann  man  schwer  eingehen,  weil  ja  alles
auf  Schätzungen  beruht  und  keine  sicheren  Unterlagen  gegeben  sind.  Mit
großem  Befremden  müssen  wir  sehen,  daß  das  Fideikommißgesetz  wieder
eingebracht  wird.  Das  ist  eine  Gefährdung  des  Burgfriedens  schlimmster
Art.  Obwohl  man  wußte,  daß  wir  die  Vorlage  als  Bruch  des  Burgfriedens
empfinden  müssen,  hat  man  die  Vorlage  wieder  vorgelegt.  Die  Bildung
von  Fideikommissen  muß  während  der  Kriegszeit  und  zwei  Jahre  darnach
noch  untersagt  werden.  So  hatten  wir  es  beantragt,  das  genügt  vollkommen.
  Aber  nein,  die  Staatsregierung  bringt  einen  Gesetzentwurf  ein,
um  die  Bildung  der  Fideikommisse  auch  noch  zu  erleichtern.  Alles  drängt
zu  einer  besseren  Ausnützung  des  Bodens  und  einer  Verstärkung  der  Viehhaltung,
  und  da  bringt  man  ein  Gesetz  ein,  das  eine  Bindung  des  Bodens
will!  Dieses  Vorgehen  der  Staatsregierung  ist  nicht  nur  eine  Unfreundlichkeit
  gegenüber  einigen  Parteien,  sie  ist  zugleich  ein  Schlag  gegen  den
Reichstag,  der  einen  gegenteiligen  Beschluß  gefaßt  hat.  Wir  kündigen  für
diesen  Gesetzentwurf  schon  jetzt  den  schärfsten  Widerstand  an.  Neben  dem
Handwerk  ist  der  Handel  der  Hauptleidtragende  während  des  Krieges.
Die  Mißgriffe  und  die  Mißerfolge  der  Personen,  die  den  Handel  ausschalteten,
  haben  dazu  geführt,  daß  sich  jetzt  auch  in  Kreisen,  die  den  Handel
früher  abgelehnt,  das  Gefühl  breit  macht,  daß  man  den  Handel  wieder
heranziehen  müßte.  Das  Kriegsernährungsamt  darf  die  Handelsagenten
nicht  ganz  ausschalten.  Die  polnische  Frage  ist  zur  Erörterung  noch
nicht  reif.  Ich  stelle  mit  Genugtuung  fest,  daß  Herr  Minister  v.  Breitenbach
  verständige  Worte  über  die  Ziele  des  Volkes  gesprochen  hat.  Er  erblickte
  darin  nicht  ein  Zeichen  innerer  Unruhe,  vielmehr  den  Ausdruck  des
Vertrauens.  Wir  stimmen  ihm  zu,  daß  diese  gewaltige  Zeit  nicht  spurlos
an  dem  Ausbau  unseres  Staatswesens  vorübergeht.  Die  Stimmung  ist
maßgebend,  und  die  Stimmung  kann  nur  gehoben  werden,  wenn  wir  schon
jetzt  den  Blick  auf  eine  bessere  Zukunft  richten.  Nach  jedem  großen  Krieg
der  neueren  Geschichte  hat  eine  volkstümlichere  Politik  eingesetzt.
Gneisenau  schrieb  1814:  „Preußen  muß  fortan  durch  eine  Liberalität  der
Grundsätze  eine  Anziehungskraft  auf  die  übrigen  Volksstämme  ausüben.“
Aehnlich  hat  Bismarck  nach  1866  und  1870  diesen  Gegenstand  behandelt.
In  einem  Kriege  lernt  man  eben  die  Volkskräfte  schätzen  und  fühlt  sich
bewogen,  solche  Werte  für  die  Zukunft  nutzbar  zu  machen.  Was  aber  jetzt
geleistet  wird,  dafür  fehlt  uns  noch  der  Maßstab,  so  groß  ist  es.  Also
lasse  man  die  Tat  folgen.  Also  beweise  man  Vertrauen.  Kein  Geschenk
soll  es  sein,  sondern  das  Ergebnis  aus  einer  Lehre  des  Krieges.  Wir
wollen  uns  den  Geist  erhalten,  der  zu  Beginn  des  Krieges  gewaltet  hat.
Man  pflüge  nur  recht  tief.  Die  Ergiebigkeit  wird  sich  um  so  mehr  steigern.
Auf  der  Rechten  machen  sich  ja  manche  Anzeichen  bemerkbar,  als  sollte  der
Parlamentseinfluß  erhöht  werden.  Wenn  es  dabei  bleibt,  werden  wir
zusammenarbeiten  können.  Der  Ruf  der  Rückständigkeit  hat  uns  so  manche
Sympathien  gekostet.  Die  Konservativen  rufen  ja  nach  einer  stärkeren  Mitwirkung
  des  Reichstages.  Herr  v.  Gräfe,  geben  Sie  dem  Volke  ein  Mitbestimmungsrecht
  für  die  Gesamtheit  der  öffentlichen  Einrichtungen!  Herr
v.  d.  Osten  sagte:  Das  Volk  will  nickt  mehr  hinter  spanischen  Wänden
sitzen,  es  will  mitwirken!  Gut,  dann  können  wir  zusammenarbeiten.  Wir
fürchten  dann  auch  nicht  für  die  Monarchie.  Das  Volk  muß  in  dieser  Zeit
mitsprechen  dürfen.  Das  ist  immer  unsere  NAufgabe  gewesen.  Da  muß  vor
allem  dafür  gesorgt  werden,  daß  das  Parlament  den  Mehrheitswillen  des