Peutsches Neic. (Oktober 23.—27. 937
regierung, eine Parlamentsherrschaft nach westlichem Muster lehnen wir
ab, aber wir verlangen eine engere und häufigere Fühlungnahme zwischen
Regierung und Volksvertretern und ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten.
Zum Schlusse bespricht der Redner noch die elsaß-lothringische und belgische
Frage. Auf keinen Fall darf Belgien, dieses wichtige Faustpfand, vor
Friedensschluß aus der Hand gegeben werden. Die den Vlamen gegebenen
Versprechungen müssen wir einlösen. Die Friedensresolution des Reichstages
billigen wir nicht. Wir haben genug vom Frieden gesprochen. Die
Feinde sollen es entgelten, daß sie unsere Friedensbereitschaft höhnend zurückgewiesen
haben. Nun hat das deutsche Schwert das Wort. Unsere
Gegner werden vergebens auf ein Nachlassen unseres Siegeswillens rechnen.
Wenn wir hart bleiben und einig, werden wir siegen.
Abg. Segitz (Soz.) schließt sich rückhaltlos den Worten des Dankes
und der Anerkennung des Vorredners für Heer und Marine und ihre
Führung an. Die Friedensbewegung ist trotz aller Hindernisse im Wachsen.
Es ist falsch, wenn gesagt wurde, die Demokratie habe im Kriege versagt;
sie hat sogar ungeheuer an Ausdehnung auf der ganzen Welt gewonnen.
Eine Demokratisierung von außen weisen wir zurück; wir fühlen uns selbst
stark genug, unser Haus wohnlich zu gestalten. Aber wir dürfen nicht ganz
außer acht lassen, daß die Staaten, die mit uns Krieg führen, dieses Kriegsziel
aufgestellt haben. Eingehend legt der Redner dann die bekannte Stellung
seiner Partei zu den Kriegszielen dar. Von einer Rückgabe Elsaß-Lothringens
kann keine Rede sein. Die deutsche Regierung sollte endlich
klar zum Ausdruck bringen, was mit Belgien geschehen soll oder nicht geschehen
soll; das ist eine wesentliche Voraussetzung zur Verständigung.
Lebhaft wendet sich der Redner gegen die alldeutsche Agitation gegen die
Friedensresolution und gegen die Soz. Leider ist der Reichskanzler selbst
verdächtig, diese alldeutsche Bewegung zu unterstützen. Es ist eine Lebensfrage
für das Reich geworden, die Regierung in andere Hände zu legen.
Die große Frage ist jetzt die Demokratisierung geworden. Das herrschende
System ist im Kriege zusammengebrochen. Das Volk will mitreden bei der
Entscheidung seiner Lebensfragen und besonders bei der Entscheidung über
Krieg und Frieden. Für Elsaß-Lothringen, dessen geplante Angliederung
an Bayern und Preußen nunmehr wohl endgültig aufgegeben ist, fordern
wir die Gewährung voller Gleichberechtigung als selbständiger Bundesstaat.
Abg. Beckh (Freie Vrg.) verlangt Sicherung der Grenzen im Westen
und Osten, Erwerb von Siedlungsland, Freiheit der Meere usw. Die
militärische Lage berechtigt uns zu diesen Forderungen. Einen Verzichtfrieden
lehnen wir ab; wir werden den Frieden nur bekommen, wenn wir
ihn erkämpfen. Das ewige Friedensgerede wirkt nur kriegsverlängernd;
die Reichstagsresolution vom 19. Juli hatte den gleichen Erfolg. Ein
innigeres Zusammenarbeiten von Regierung und Volksvertretung würden
wir sehr begrüßen, aber eine parlamentarische Regierung lehnen wir ab.
Wir wollen eine über den Parteien stehende Staatsregierung. Redner
nimmt zum Schlusse das Vorgehen der Alldeutschen und besonders auch
der Vaterlandspartei gegen die Angriffe des Vorredners in Schutz; für die
Aeußerungen einzelner Männer könnte nicht die Gesamtheit einer Richtung
verantwortlich gemacht werden. .
25. Okt. — Abg. Simon (U. Soz.): Die Truppen an der Front verlangen
statt der vielen Dankesworte eine bessere Behandlung und die Erfüllung
der ihnen gemachten Versprechungen. Statt Ausbau der Verfassungsfreiheiten
gibt man uns leere Versprechungen, genau wie vor hundert Jahren.
Das Volk glaubt nicht mehr an die Versprechungen und wird sich sein Recht
verschaffen. Geht das nicht ohne Erschütterungen ab, so müssen sie das auf