Krankreich. (Oktober 6.—9.) 449
nowski unter der Voraussetzung, daß die Regierung auch wirklich die
nationalistische Presse zur Verantwortung ziehe. — Painlevéé erklärt nochmals,
daß gegen Daudet, falls er seine Anklage vor dem Untersuchungsrichter
nicht rechtfertigen könne, die entsprechenden Maßnahmen ergriffen
würden; im Notfalle werde die Regierung ein besonderes Gesetz vorschlagen
zur Unterdrückung der persönlichen Verleumdungen.
Die Verhandlungen enden mit der Annahme der von der Regierung
gebilligten Tagesordnung Bokanowski: „Die Kammer ist entschlossen,
sich nicht von ihrer heiligen Aufgabe der Landesverteidigung abbringen zu
lassen. Sie rechnet darauf, daß die Regierung die gegen die Republik geführte
Verleumdungskampagne, die geeignet ist, Uneinigkeit im Land hervorzurufen,
zum Stillstand bringt. Die Kammer hat zu der Regierung das Vertrauen,
daß sie jeden, der Propaganda für das Einvernehmen mit dem Feinde betreibt
und damit auf eine Schwächung der Widerstandskraft der Nation
ausgeht, rücksichtslos der Strenge der Justiz ausliefert. Die Kammer lehnt
jeden Zusatz ab und geht zur Tagesordnung über.“ Die Tagesordnung
wird mit 350 Stimmen gegen 3 Stimmen angenommen. Die Sozialisten
und ein Teil der Radikalen enthalten sich der Abstimmung.
6.—9. Okt. (Bordeaux.) Ao. Parteitag der franz. Soz.
Die Verhandlungen stehen im Zeichen des Kampfes um die Friedensfrage,
den die Minoritätsrichtung im Sinne einer raschen internationalen
Verständigung und Versöhnung, die Majorität unter der Führung Sembats
und Thomas' im Sinne der Kriegsfortsetzung bis zum Ententesieg
entscheiden zu können hofft. Die Auswahl der erschienenen 350 Delegierten,
die 87 Departementsverbände mit 2697 Mandaten vertreten, beweist das
starke Anwachsen der pazifistischen Zimmerwalder Gruppe, die nicht nur
in ihrer Hochburg Paris, sondern auch in der Provinz, so in den Departements
Seine, Isère, Vaucluse und Loire, auffallende Fortschritte gemacht
und in den Abordnungen Lyons und Marseilles fast die Mehrheit gewonnen
hat. Bei der Wahl des Vorstandes verlangt Abg. Blanc die Zulassung
eines Vertreters der Zimmerwalder zur Leitung der Tagung. Nach lebhafter
Debatte, in der Abg. Longuet für die Zimmerwalder eintritt, wird
es dem Vorstand überlassen eine Lösung ausfindig zu machen. Am Nachmittag
erörtert Abg. Compere-Morel, der zu den regierungs- und kriegstreuesten
Sozialisten gehört, die Frage der Teilnahme der Partei an der
Konferenz in Stockholm und setzt auseinander, daß der Besuch Stockholms
nur dazm hätte führen können, die Spaltung in der franz. Partei zu offenbaren
und den Weg zu einem verfrühten Frieden zu bahnen. Zum Schluß
bringt er eine Entschließung ein, die erklärt, daß die Partei den unbedingten
Frieden ablehnt und nur einen Frieden der Wiederherstellung annimmt,
einen siegreichen Frieden, der nur durch die hohe Einigkeit der Franzosen
verwirklicht werden könne. Die Partei werde jeder Regierung ihre Unterstützung
leihen, die fest entschlossen sei, eine demokratische, ebenso tätige
wie rücksichtslose Kriegspolitik zu führen. Namens der Zimmerwalder erwidert
Rappaport in sehr scharfer Rede, in der er die Annahme der
Kriegskredite und die Teilnahme an einer Regierung der nationalen Verteidigung
verwirft und die Einleitung von Friedensverhandlungen fordert.
Am 7. tritt der Parteitag in eine Aussprache über die allgemeine Lage
ein. Am 9. findet die Abstimmung über die vorliegenden Anträge statt.
Die Ansicht der Mehrheitssozialisten, die den extremen Standpunkt der Gruppe
Compere-Morel (s. o.) ablehnen, ist in einem Antrag Renaudels
niedergelegt. Der Antrag des Minderheitssozialisten Pressemane unterscheidet
sich von dem der Mehrheitsgruppen nur durch die Bedingungen, die
Europäischer Geschichtskalender. LVIII 2. 29