Peutsches Reich. (Febr. 15.) 65
waren nicht nur Deutschlands Siege, sie waren Europas Siege. Wer das
nicht begriffen hat, der hat auch nicht die echte Grundlage unseres Zornes
gegen England begriffen: Ich kann nicht vergessen, mit welchem Behagen
England sich 1914 und 1915 ausmalte, wie die russische Dampfwalze
Deutschland zermalmen würde. Nun heißt es wieder wachsam sein gegen
die große Gefahr, die vom Osten her droht. Eine moralische Infektion will
sich in Bewegung setzen. Wenn Cholera und Pest drohen — und diese Gefahren
gehören nicht bloß der Vergangenheit an — dann müßten alle
zivilisierten Staaten gemeinsame Absperrungsmaßnahmen ergreifen. Das
heutige kranke Rußland hat den einen Ehrgeiz, in alle gesunden oder gesundenden
Staaten seine Krankheit hinein zutragen. Es ist an der Zeit, daß
man sich klar wird über die Abwehrmaßnahmen, die notwendig sind. Erstens:
Trotzki proklamiert ein Weltenschicksal, das er herbeiführen will. Gegen
Ideen muß man auch mit Ideen kämpfen. Gewiß, wir kämpfen für unser
Dasein und unsere wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Aber der Gedanke
der Selbsterhaltung, wenn er allein steht, läßt große menschliche
Kraftquellen unerschlossen. Wir müssen der Weltenunordnung Trotzkis, die
die Freiheit zerstört, eine Weltordnung entgegensetzen, die die Freiheit
schützt. Deutschland soll es getrost bekennen, daß es das Glück und das
Recht anderer Völker in seinen nationalen Willen aufnimmt. Unser Name
darf nicht nur innerhalb unserer Grenzen einen guten Klang haben. Alle
großen Nationen müssen einen Weltenzustand anstreben, wo ihr Name mit
Furcht und Hoffnung überall dort genannt wird, wo Unrecht geschieht.
Hier darf Deutschland nicht auf die moralische Weltgeltung verzichten. Das
hieße einen Verzichtfrieden anstreben.
Als zweite Sicherungsmaßnahme ist es notwendig, daß wir unseren
deutschen Organismus so gesund und widerstandsfähig wie möglich
machen. An und für sich sind alle Vorbedingungen dafür gegeben. Hinter
uns liegt eine nationale Erhebung ohnegleichen, eine gemeinsame Kraftanstrengung,
gemeinsames Leiden und unerhörte Erlebnisse von Gefahr
und Rettung, wie sie ein Volk zusammenschweißen müßten, selbst wenn es
keine so einheitliche Struktur aufwiese, wie das deutsche. Aber es sind heute
Kräfte am Werke, die den deutschen-Organismus lockern wollen, Kräfte,
die sich in den Dienst der diplomatischen Offensive stellen, welche unsere
Feinde sich rühmen zur Zertrümmerung unserer Heimatfront unternommen
zu haben. Ich denke zunächst an jene Gruppen, an denen die Gesinnung
des 4. August spurlos vorübergegangen ist, die seit Jahr und Tag an der
Arbeit sind, den Glauben an die Gerechtigkeit der deutschen Sache zu zerstören
und im In= und Auslande Deutschland ins Unrecht zu setzen. Verzagende
und verbitterte Elemente haben sich ihnen angeschlossen, wie das
bei einer so langen Dauer des Krieges unvermeidlich war. Aber die große
Masse des arbeitenden deutschen Volkes wehrt sich mit einem starken und
gesunden Instinkt gegen den Versuch, Deutschlands Verteidigungskraft zu
schwächen. Darum bedauere ich die Agitation, die darauf hinzielt, breite
Schichten unserer Bevölkerung als unpatriotisch zu brandmarken und zu
isolieren. Ueber die Kriegsziele muß in jedem Lande hart gestritten werden,
aber ich möchte jede Gelegenheit ergreifen, um zu wiederholen, was ich in
Karlsruhe ausgesprochen habe. Wir müssen aufhören, bei unseren inneren
Auseinandersetzungen beim politischen Gegner immer nach unpatriotischen
Motiven zu suchen; solche Anklagen dürfen nicht laut werden, sei es auch
nur als Waffe im Redekampf. Das ist eine Versündigung an der Front
und der Gesinnung, die dort herrscht. Dort setzen alle Tage Menschen gemeinsam
und im vollen Vertrauen zueinander ihr Leben ein, deren
Kriegszielauffassung oft weit auseinandergeht. Kein Tauglicher darf abseits
Europäischer Geschichtskalender. LIX. 5