Beutsches Reich. (März 18.—19.) 129
Polizeimacht besetzt, bis dort die Sicherheit durch eigene Landeseinrichtungen
gewährleistet und die staatliche Ordnung hergestellt ist. Alsdann wird auch
für diese Länder der Augenblick für ihre politische Neuorientierung gekommen
sein. Wir hoffen und wünschen, daß auch sie sich in ein nahes
freundschaftliches Verhältnis zum Deutschen Reiche stellen werden, so aber,
daß dies friedliche und freundliche Beziehungen zu Rußland nicht ausschließt.
Nun noch ein kurzes Wort über Polen, das freilich im Friedensvertrag
nicht ausdrücklich genannt ist. Bekanntlich ist es die Proklamation
der beiden Kaiser v. 5. Nov. 1916 gewesen, welche die Selbständigkeit des
Landes vor aller Welt verkündet hat. Daraus folgt, daß die nähere Ausgestaltung
des neuen Staatswesens nur auf Grund gemeinsamer Verhandlungen
zwischen Deutschland und der Donaumonarchie einerseits und Polen
andererseits geschehen kann. Neuerdings sind aus politischen Kreisen Polens
Anregungen für die Gestaltung unseres zukünftigen Verhältnisses an die
Regierung und an Mitglieder des Reichstags gelangt. Wir werden gern
prüfen, ob und inwieweit sie sich mit den von den beiden Regierungen
verfolgten Zielen werden vereinigen lassen, den Zielen; mit dem neuerstandenen
Staat unter Sicherstellung unserer Interessen dauernd in guten
nachbarlichen Beziehungen zu leben. Alles Weitere wird Unterstaatssekretär
Exz. v. d. Bussche mitteilen. Ich komme meinerseits zum Schluß.
M. H.! Wenn Sie, wie ich nicht zweifle, den vorgelegten Verträgen
Ihre Genehmigung geben werden, wenn dann auch bald der Friede mit
Rumänien zum Abschluß bereit sein wird, so ist das zur Tatsache geworden,
was ich am 25. Febr. als in naher Aussicht stehend verkünden durfte. Dann
ist der Friede auf unserer ganzen Ostfront hergestellt. Geben wir uns aber
keiner Täuschung hin: der Weltfriede ist noch nicht dal Noch zeigt sich in
den Staaten der Entente nicht die geringste Neigung für Beendigung des
furchtbaren Kriegshandwerks. Immer noch scheint ihr Ziel zu sein, zu
kämpfen bis zu unserer Vernichtung. Wir werden darüber den Mut nicht
verlieren. Wir sind auf alles gefaßt. Wir sind bereit, weitere schwere
Opfer zu bringen. Gott, der mit uns gewesen ist, Gott wird uns auch
weiter helfen. Wir vertrauen auf unsere gerechte Sache, auf unser unvergleichliches
Heer, seine heldenmütigen Führer und Truppen, wir vertrauen
auf unser standhaftes Volk. Die Verantwortung aber, m. H., ich habe es
schon damals gesagt, am 25. Febr., die Verantwortung für das Blutvergießen
wird auf die Häupter aller derer fallen, die die Fortsetzung des
Blutvergießens wollen. (Stürm. Beif. im ganzen Hause, mit Ausnahme
der äußersten Linken.)
Sodann führt Unterstaatssekretär Frhr. v. d. Bussche-Haddenhausen
aus: Ueber die Verhandlungen mit der russ. Regierung in Brest-Litowsk
sind Sie durch die früheren eingehenden Darlegungen des Herrn
Staatssekretärs v. Kühlmann in diesem hohen Hause und im Hauptausschuß,
sowie durch die Veröffentlichungen über die Sitzungen und deren Ergebnisse
auf dem laufenden erhalten worden. Ich darf mich daher wohl kurz fassen.
Sie alle haben die verschiedenen Phasen der Verhandlungen in Brest-Litowsk
mit Aufmerksamkeit verfolgt, und es können Ihnen die Gründe
nicht verborgen geblieben sein, warum wir nach dem Abschluß der zweiten
Phase, der Periode Trotzki, schärfere Töne angeschlagen und fester zugegriffen
haben, um zu dem erwünschten Ergebnis des Friedens zu gelangen. Herr
Trotzki, das zeigte sich bald nach seinem Eintreffen, wollte keinen Friedensschluß.
Er wollte in erster Linie unser Land aufwiegeln, und er baute fest
auf eine Revolution in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, die ihm helfen
sollte, die Tatsache der russ. Niederlage zu verschleiern. Er hat seine Enttäuschung,
daß ihn seine Hoffnungen betrogen hoben, deutlich zum Ausdruck
Europäischer Geschichtskalender. LIX. 9