Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

164  Deutsches  Reich.  (April  30.—Mai  7.)

rung  für  verfehlt  erklärt,  aber  dann  jeder  ein  ganz  anderes  Rezept  für  die
Lösung  dieser  Frage  gegeben;  die  Ansichten  sind  doch  auch  darüber  sehr
geteilt.  Herr  v.  H.  besorgt,  daß  der  autoritative  Charakter  Preußens  mit
dieser  Wahlrechtsänderung  verloren  geht.  Mir  scheint  für  die  Aufrechterhaltung
  dieses  Charakters  die  Monarchie  die  festeste  Grundlage  zu  sein.
Auch  die  süddeutschen  Staaten  haben  ein  breites  Wahlrecht.  Bei  aller  Hochachtung
  für  die  Eigenart  Preußens,  die  ich  als  Altpreuße  in  vollem  Maße
besitze,  als  ein  Mann  altpreuß.  Gesinnung  vom  Scheitel  bis  zur  Sohle,
darf  man  sich  nicht  dem  Hochmut  hingeben,  daß  in  Preußen  alles  turmhoch
besser  wäre  als  anderswo.  Herr  v.  H.  weist  auf  die  Ausgestaltung  des
Gemeindewahlrechts  hin.  Ich  kann  nur  wiederholen,  duß  die  Regierung
nicht  auf  dem  Standpunkt  steht,  daß  nun  auch  das  Gemeindewahlrecht  auf
Grund  des  gleichen  Wahlrechts  reformiert  werden  muß.  Wenn  Herr  v.  H.
meint,  das  wäre  die  unausbleibliche  Folge,  so  ist  das  nur  ein  Raisonnement.
  Selbst  Herr  Bebel  hat  auf  dem  Parteitage  zu  Mannheim  Staat  und
Gemeinde  für  ganz  verschiedene  Körperschaften  erklärt,  die  nicht  über  einen
Kamm  geschoren  werden  dürften.  Daran  aber  kann  man  doch  nicht  vorbeigehen,
  daß  in  der  Kommission  von  freikons.  Seite  das  gleiche  Wahlrecht
für  die  Kommunen  beantragt  worden  ist.  Auch  bezüglich  der  Kautelen  unseres
kulturellen  Lebens  kann  ich  mich  der  Befürchtungen  nicht  ganz  entschlagen.
Aber  wie  schon  der  Ministerpräsident  angedeutet  hat,  lassen  sich  auch  da
gewisse  Sicherungen  anbringen.  Deshalb  bedauere  ich,  auch  im  Interesse
der  Evangelischen,  daß  Herr  v.  H.  und  seine  Freunde  nicht  geneigt  waren,
den  Bestrebungen,  hierfür  eine  geeignete  Fassung  zu  finden,  ihre  Hilfe  zu
gewähren.  Ich  bin  der  Ueberzeugung,  was  vor  dem  11.  Juli  möglich  war,
ist  nach  dem  11.  Juli  nicht  mehr  möglich.  Mögen  Sie  dialektisch  deuteln
oder  nicht,  mit  der  Botschaft  vom  11.  Juli  1917  ist  ein  Regierungsprogramm
aufgestellt  worden,  das,  wenn  einmal  hinausgegangen,  nicht  wieder  rückgängig
  zu  machen  ist.  Sie  werden  diese  Entwicklung  nicht  wieder  aufhalten;
der  Staatsmann,  der  mit  solchen  realpolitischen  Dingen  rechnen  muß,  muß
weiter  denken.  Herr  v.  H.  hat  meine  Gründe  „gewogen  und  zu  leicht  befunden“.
  An  der  Wage  muß  ein  unparteiischer  Mann  stehen;  Herrn  v.  H.
als  Parteimann  kann  ich  als  unparteiischen  Wäger  nicht  anerkennen,  deshalb
  trifft  mich  sein  Urteil  nicht  mit  besonderer  Schwere.  Herr  v.  H.  hat
dann  hingewiesen  auf  unsere  Kämpfer  an  der  Westfront  und  gemeint,  wie
wenig  erfreulich  und  erhebend  es  sei,  daß,  während  dort  weltgeschichtliche
Schlachten  geschlagen  werden,  wir  hier  in  Streit  und  Hader  stehen  um
solche  Vorlagen.  Gewiß,  aber  die  Regierung  muß  doch  auch  gewissenhaft
abwägen,  was  dem  Siege  förderlicher  ist,  ob  diese  Vorlagen  in  möglichst
kurzer  Zeit  hier  verabschiedet  werden,  wenn  auch  vielleicht  unter  Kämpfen,
oder  ob  die  in  der  Bevölkerung  bestehende  Beunruhigung  noch  auf  Jahre
hinaus  dauern  soll.  Und  wenn  sie  nach  dieser  gewissenhaften  Erwägung  zu
der  Entscheidung  gekommen  ist,  möglichst  bald  zu  einem  Abschluß  zu  gelangen,
  so  glaube  ich,  daß  sie  dafür  nicht  Tadel,  sondern  Anerkennung  verdient.

Abg.  Dr.  Porsch  (Ztr.)  erklärt,  daß  ein  kleiner  Teil  seiner  Partei
gegen,  die  Mehrheit  für  die  Vorlage  stimmen  werde.  Das  Volk  erwarte
keine  langen  Reden,  sondern  Abstimmungen.  "

1.  Mai.  —  Abg.  Dr.  Lohmann  (Natl.):  Ich  spreche  nur  für  die  Hälfte
der  Fraktion.  Die  Parteifreunde,  die  hinter  mir  stehen,  halten  an  dem
Widerstand  gegen  die  Regierungsvorlage  fest.  Das  gleiche  Wahlrecht  würde
den  Einfluß  der  Polen  im  Abgeordnetenhaus  stark  vermehren  und  würde
vor  allem  dahin  führen,  daß  die  Soz.,  Polen,  Dänen  und  Welfen  die
Mehrheit  erlangen  würden.  Das  gleiche  Landtagswahlrecht  wird  die  Einführung
  des  gleichen  Wahlrechts  für  die  Gemeinden  zur  unabweisbaren