Penisches Reich. (Okt. 22.) 389
nationalen Zerstücklung. Jeder will das Beste einsetzen, um von Deutschland
ein namenloses Unglück abzuwenden. Bricht die Front im Westen zusammen,
so haben wir unser Schicksal nicht mehr in der Hand, und die Front muß
zusammenbrechen, wenn im Inland der Bürgerkrieg droht. Die Mehrheit
des Reichstags ist gewillt und kräftig genug, der Freiheit des deutschen
Volkes eine Gasse zu bahnen.
Abg. Bernstein (l. Soz.) Wir wollen einen wahren Völkerbund
schaffen, nicht einen Bund der Staaten. Damit entfallen auch alle Schwierigkeiten
und Streitigkeiten über die Abgrenzung der einzelnen Staatengebilde.
Je radikaler wir vorgehen, desto besser wird der Frieden. Es kann keine
verbrecherischere Handlung begangen werden, als diejenige, die heute von
den Herren der Rechten und ihren Organen betrieben wird, um den Frieden
zu hintertreiben und das deutsche Volk darüber zu täuschen, was auf dem
Spiele steht, wenn der Friede nicht zustandekommt.
Preuß. Kriegsminister Scheüch: Ich kann in lUlebereinstimmung mit
den Ausführungen des Staatssekretärs Gröber nach reifer Prüfung dieser
Anträge in der Form, die sie gefunden haben, und in ihrem Jnhalt nichts
mehr finden, was eine Gefährdung des festen Gefüges unseres DPeeres verursachen
konnte. Im besonderen wird das versönliche Verhältnis zwischen
König und Offizier durch die Anträge nicht berührt. Diese deutische Mannentreue
wird auch in Zukunft unerschüttert bestehen als eine der sichersten
Stütgen unseres Heereswesens.
Damit schließt die Generaldiskussion. Ohne weitere Erörterung wird
der Gesetzentw. in der Form der zweiten Lesung mit dem Antrag der
Mehrheitsparteien im ein zelnen und im ganzen gegen die Stimmen der Nonf.
und einiger Mitglieder der Deutsch. Fraktion endgültig angenommen. (lleber
die Bedeutung der Verfassungsänderungen s. die Ausführungen in der
„Nordd. Allg. Ztg.“ 1918 Nr. 550).
Der Antrag der U. Soz. wird an den Verfassungsausschuß überwiesen.
Der Präsident wird schließlich ermächtigt, Tag und Tagesordnung der
nächsten Sitzung festzusetzen. (Infolge der polit. Umwälzung hat eine Sitzung
des Reichstags nicht mehr stattgefunden.)
22. Okt. (Bayern.) Die Parteien zur Neuorientierung.
Zu den zwischen den Parteien des Landtages schwebenden Verhandlungen
über die Demokratisierung der bayer. Verfassung nimmt
eine aus allen Teilen des Landes gutbesuchte Vorstandssitzung der lib.
Arbeitsgemeinschaft Stellung und beschließt nach eingehender Beratung
folgende Erklärung: Die l. A. vertritt die Meinung, daß die innere Neuordnung
in Bayern nach großen Gesichtspunkten zu erfolgen hat. Sie fordert
mit allem Nachdruck bei der Reform der Reichsratskammer, daß der
Gedanke einer neuen Rechtsverteilung dadurch erfüllt wird, daß eine entsprechende
Beschränkung der Zahl der erblichen Mitglieder zugunsten der
zu wählenden Mitglieder erfolgt. Hinsichtlich der Neugestaltung des Landtagswahlrechts
muß bei der von den Lib. schon längst geforderten Verhältniswahl
eine Gleichstellung der städtischen und ländlichen Wähler unter
allen Umständen verlangt werden. Bei der Parlamentarisierung darf jetzt
keine Halbheit gemacht werden, sondern es muß der Grundsatz der Teilnahme
des Volkes an den Regierungsgeschäften in einer klaren und eindeutigen
Form erfüllt werden. Das ist nur möglich durch ein überwiegend
parlamentarisches, politisch verantwortliches Ministerium.
Auch auf dem am gleichen Tage stattfindenden Delegiertentag der
bayer. Zentrumspartei kommt die Verfassungsfrage zur Sprache. In
dem Referat des Zentrumsführers Abg. Held über die Aufgabe der Zen-