150 III. Kapitel. Die Kartell- und Trustbewegung.
Es ist ferner interessant, daß, während in der Heimat der
großen Trusts, in den Vereinigten Staaten, die in dieser Weise
das Übergewicht erlangenden und den ganzen Markt beherrschenden
Industrieunternehmungen Finanzinstitute und Verkehrsunternehmungen
in ihre Machtsphäre einbeziehen konnten, die Tendenz
der Entwicklung in Ungarn gerade in entgegengesetzter Richtung
sich bewegt.
Die schwache ungarische Industrie ist im Gegenteil auf die
Unterstützung der Finanzinstitute angewiesen und gelangt so zu
den infolge der günstigen Konjunkturen immer mehr erstarkenden
Kreditinstituten — allerdings gegen Grewährung entsprechender
Darlehen und Unterstützungen — in ein Abhängigkeitsverhältnis.
Wenn daher in Ungarn die Zentralisation der Industrieunternehmungen
überhaupt eintreten sollte, wird dies durch Anschließung
an den Machtkreis einzelner Banken geschehen, welche
Tendenz auch bei der Untersuchung der gegenwärtigen (restaltungen
bereits wahrnehmbar ist.
Die Gefahr der Vertrustung — insofern dieselbe überhaupt
eine Gefahr genannt werden kann — ist schon wegen des
Mangels der objektiven Bedingungen nicht vorhanden, denn die
Unternehmungslust ist keine so lebhafte, als daß sie riesengroße
Kapitalien in einen Industriezweig investieren und dieselben den
Chancen dieser Industrie ausliefern würde.
& 14. Kartelle in Österreich.
Jene österreichischen Kartelle, die mit den ungarischen vereinigt
vorgehen, haben wir in den vorhergehenden Abschnitten
behandelt. Es erübrigt nur noch, uns mit jenen Kartellen zu
beschäftigen, die ausschließlich in Österreich tätig sind.!)
Das Spiegelglaskartell kam zwischen den vereinigten
österreichischen Spiegelglasfabrikanten zustande; der Verkauf erfolgt
durch eine Zentralverkaufsstellee Das Kartell wurde im
Jahre 1900 bis 31. Juni ıg0o5 abgeschlossen. Infolge des Kartells
sind die Preise um 30—40°/, gestiegen.
Neueren Datums ist das österreichische Zementkartell,
welches am 29. März ı901 ins Leben trat. Seine Antezedenzien
waren die Entstehung neuer österreichischer Fabriken,
1) Vergl. hierüber ausführlich: Grunzel a. a. O.