Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

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sei,  dessen  Haltung  mit  den  vom  Zaren  geäußerten  Absichten  nicht  im
Einklange  stehe.  ‚‚Andere  Diplomaten,  Generale,  halbamtliche  Journale
handeln  und  sprechen  gewohnheitsmäßig  in  einer  Weise,  die  mit  den  Anschauungen
  des  Zaren  nicht  übereinstimmt.  Immer  besteht  ein  Riß
in  der  Politik  Rußlands.  Dieser  Mangel  an  Folgerichtigkeit  rührt  ebenso
vom  Nationalcharakter  wie  von  der  Macht  der  panslawistischen  Partei
her,  mit  der  man  durchaus  rechnen  muß.)

1891

Wir  treten  in  das  Jahr  1891  ein,  in  dem  durch  den  Besuch  der  französischen
  Flotte  zu  Kronstadt  die  inzwischen  stattgehabte  erhebliche
Annäherung  zwischen  Frankreich  und  Rußland  vor  aller  Welt  enthüllt
wurde.

Im  Anfange  des  Jahres  herrscht  zunächst  auf  dem  Gebiete  der  äußeren
Politik  noch  eine  verhältnismäßige  Ruhe,  die  sich  in  der  Hauptsache
daraus  erklärt,  daß  man  im  Auslande  an  eine  allmähliche  innere  Zersetzung
des  Dreibundes  glaubt  und  diese  Entwicklung  von  außen  her  in  Ruhe
zu  beobachten  trachtet.  Nach  einer  Äußerung  des  Barons  Greindl  vom
7.  Januar  1891?)  erfüllte  den  deutschen  Staatssekretär  v.  Marschall
die  Tatsache  mit  Sorge,  daß  einzig  und  allein  Freycinet  von  Krieg
sprach,  während  alle  anderen  Staatsoberhäupter  nur  Friedensworte
verkündeten.  Augenscheinlich  gewinne  Frankreich  sein  Selbstvertrauen
zurück,  aber  von  da  bis  zu  einer  konfliktdrohenden  angreifenden  Politik
sei  es  noch  weit.

Eine  gewisse  Verschiebung  im  inneren  Verhältnisse  des  Dreibundes
glaubte  Greindl  darin  erkennen  zu  müssen,  daß  Caprivi  in  der  Behandlung
  seiner  Bundesgenossen  rücksichtsvoller  sei  als  sein  Vorgänger;
Widerspruch  würde  nicht  mehr  als  Verrat  behandelt,  und  in  den  Beziehungen
  zu  den  auswärtigen  Mächten  unterlasse  man  zwecklose  Reibereien?).


Mit  Aufmerksamkeit  beobachtete  man  in  den  europäischen  Kabinetten
jener  Zeit  die  Haltung  Italiens.  Mit  dem  Abgange  Crispis  und  der  Übernahme
  der  Geschäfte  des  Ministerpräsidenten  durch  Rudini  setzen
Versuche  ein,  die  italienisch  -  französischen  Beziehungen  zu  verbessern
und  eine  Lockerung  des  Zugehörigkeitsverhältnisses  zum  Dreibunde
herbeizuführen.  Ein  Berliner  Bericht  vom  10.  April  1891?)  teilt  mit,
daß  die  Annäherungsversuche  von  italienischer  Seite  ausgegangen  sind.
Auf  eine  Interpellation  hin  sah  sich  Rudini  veranlaßt,  nähere  Mitteilungen
  über  die  Stellung  Italiens  im  Dreibunde  zu  machen;  er  bezeichnete
  sie  damals  als  ausschließlich  dem  Frieden  dienend  und  defensiv.
Von  Paris  aus  wünschte  man  daraufhin  den  Text  des  Bündnisvertrages
zu  erfahren.  Rudini  weigerte  sich,  darüber  Auskunft  zu  geben  und  wurde

!)  Berlin,  27.  September  1890,  Bd.  V,  S.  95.
2)  Bd.  V,  S.  88.

®)  Berlin,  10.  Januar  1891,  Bd.  V,  S.  84/85.
*)  Bd.  V,  S.  279/280.

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