Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

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zu  nähern.  ‚Die  Annäherung  zwischen  beiden  Ländern  hat  noch  nicht
stattgefunden,  aber  sie  ist  keine  Unmöglichkeit  mehr,  und  manche  Anzeichen
  machen  sie  sehr  wahrscheinlich.‘  Deutschland  selbst  hat,  nach
Solvyns’  Urteil,  um  der  Gefahr  derVereinsamung  zu  entgehen,  den  Wunsch
nach  einem  nahen  Bündnis  (alliance  intime)  mit  England  bezeugt.  England
  bringt  aber,  von  Erwägungen  handelspolitischer  Art  beherrscht,
den  Vorschlägen  Deutschlands  mit  Rücksicht  auf  die  unruhige  Haltung
des  deutschen  Kaisers  wenig  Vertrauen  entgegen.  Sei  es  Bismarck  gelungen,
  Rußland  zu  isolieren,  so  würde  sich  Deutschland  seinerseits
jetzt  sehr  bald  in  der  gleichen  Lage  befinden.

Der  Berliner  Geschäftsträger  Graf  du  Chastel  nahm  zu  diesem  Londoner
  Urteil  in  Abwesenheit  des  Barons  Greindl  am  6.  März  1891  Stellung’).
Er  bestätigte  auch  seinerseits,  daß  durch  den  Sturz  Bismarcks  und
Crispis  einige  Glieder  aus  der  engen  Kette  des  Dreibundes  herausgesprengt
worden  seien.  Graf  Kalnoky  sei  allein  übrig  geblieben  und  benutze  jetzt
sein  Anciennitätsvorrecht  zu  einer  „etwas  persönlicher  gefärbten‘  Politik.
Noch  sei  der  Dreibund  unerschüttert,  aber  jede  der  drei  Mächte  habe  nach
österreichischem  Vorbilde  und  ohne  vorherige  gegenseitige  Verständigung
Annäherung  an  andere  Mächte  gesucht.  Die  Verbesserung  der  Beziehungen
  zwischen  Deutschland  und  England  sei  Frankreich  gerade  jetzt
besonders  unangenehm.  Die  Vorgänge  beim  Besuche  der  Kaiserin  Friedrich
  in  Paris  hätten  auch  in  London  verstimmt,  immerhin  dürfe  man
allen  diesen  Dingen  keine  zu  große  Bedeutung  beimessen.  „Eine  wichtige
Tatsache  ist  erwiesen.  Es  ist  die,  die  Sie?)  feststellen,  nämlich,  daß  der
Dreibund  durch  den  Sturz  Bismarcks  und  Crispis  von  seiner  Kraft  verloren
  hat,  und  daß  die  drei  verbündeten  Mächte  jede  für  sich  einige  Unabhängigkeit
  wiedergewonnen  haben.“

Die  russisch-französische  Annäherung  scheint  zu  dieser  Zeit  in  Berliner
  Kreisen  nicht  scharf  genug  beachtet  worden  zu  sein.  Nach  einem
Berliner  Berichte  vom  6.  März  18913)  hatte  im  Auswärtigen  Amte  Herr
v.  Holstein  geäußert,  „der  Zar  empfinde  eine  unüberwindliche  Abneigung
dagegen,  sich  mit  der  französischen  Republik  zu  verbünden,  da  ein  solcher
Gedanke  seinen  monarchischen  Anschauungen  widerspreche‘“‘.  Demgegenüber
  betonte  aber  doch  ein  Petersburger  Bericht  vom  2.  Märzt),
das  tatsächliche  Einvernehmen  (l’entente  de  fait)  zwischen  Rußland  und
Frankreich  beruhe  auf  zu  sicheren  Grundlagen,  als  daß  es  durch  Zwischenfälle
  untergeordneter  Art  Schaden  nehmen  könnte.

Großes  Aufsehen  erregte  es,  daß  der  Zar  dem  Präsidenten  Carnot
Ende  März  1891  den  Andreasorden  verlieh.  Fast  die  gesamte  russische
Presse  nahm  diese  Auszeichnung  als  eine  Bestätigung  der  engen  Beziehungen,
  als  eine  ‚stillschweigende  Quasi-Allianz‘‘°)  auf.

I)  Bd.  V,  S.  277  ff.  u

?)  Der  belgische  Minister  des  Äußeren.
®)  Bd.  V,  S.  96.

4)  Bd.  V,  S.  94.

5)  Bd.  V,  S.  97.

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