der Deutschen eine ernste Überraschung: von Riga her stießen dle Russen zwlschen
den Eisenbahnen Aga-Tukkum und Riga-Mitau über den gefrorenen Tirulsumpf
vor, und es bedurfte schwerer Kämpfe, um sie zurückzuwerfen. Und dabei
hatte unsere O. H. L. seit langem gehofft, das Russenvolk würde endllch, der zwecklosen
Hinschlachtung seiner Söhne müde, das Zarenjoch abschütteln!
Seit Beginn des neuen Jahree freilich drangen dennoch aus dem feindlichen
Hlnterlande der russischen Front allerhand Nachrichten ble zu den Eingeschlossenen
durch, dle ihre Hoffnung auf das rettende Wunder neu belebten. Unter dem
Druck der auch drüben um sich greifenden Teuerung und Lebenemittelknappheit
war es in Petersburg und in anderen Städten zu lmmer stürmlscheren Unruhen
und Ausständen gekommen. Bisber waren es nur die früber Nihilisten
und Anarchisten, jetzt Bolschewlsten sich nennenden Gruppen der radlkalen
Linken gewesen, die gegen die berrschende Staatsform gewühlt hatten. Nun
stellten sich auch die bürgerlichen Parteien auf die Seite der Empörung und
forderten den Sturz des Zaren und jener mächtigen reaktiondren Elemente,
die bisber anschelnend die kelmende Friedensneigung dee Zaren Nikolaue II.
selber zu unterdrücken verstanden hatten. Die Entente hatte kaum wahrgenommen,
daß der Zar wohl aus Angst vor dem drobenden Umsturz ulcht mehr unbedingt
zuverlässig sel, da ließ sie lhn rasch entschlossen fallen und unterstützte
nun selber mit Geld und Einfluß die revolutionären Bestrebungen. Die Empörung
des Volkes über die schamlose Mißwirtschaft und Korruption, über das
Versagen der Kriegsleitung und über die persönliche Minderwertigkelt des
Zaren lam In den Verhandlungen des russischen Relchstages, der Duma,
zu rückslchtelosem Ausbruch. Als der Zar infolgedessen der Duma das Auflösungedekret
zustellte, beschloß diese sich in Permanenz zu erklären und dem
Wlllen des Kaisers Trotz zu bleten. Die Oppositlon entfesselte elnen wütenden
Aufstand der Petersburger Garnison und Fabrlkbenölkerung, die Krliegsflotte
in Kronstadt und anderen Häfen meuterte. Am 15. April zwang eine Abordnung
von Heerführern den Zaren zur Abdankung. Er ist später in Sibirten
mit seiner ganzen Familie grausam ermordet worden.
Das Wunder war gescheben, die russlsche Revolutlon war da. Welche Auswirkung
würde sie auf die Kriegslage üben? Würde der Umsturz das Ende
des Krleges im Osten, das Ende des Dreifrontenkrleges bedeuten? Würde die
eine Flanke der belagerten Festung des Ansturms der Feinde ledig werden?
Wer kannte Rußland, dle russischen Ziele, die russische Seele71
Es war ein schlimmes Zelchen, daß alsbald erkennbar wurde, belm Ausbruch
der Revolution habe die Entente gegen den Zaren, lhren Verbündeten, einen
der ärgsten Krlegeschuldigen, dle Hände im Splel gebabt. Frellich: für sie war
es eine zwingende Notwendigkeit, auch das neue Rußland im Krlege zu halten.
Denn bie der neue Verbündete, bis die Vereinigten Staaten, außer wle bleher
mit Krlegsmaterlal und Geld, auch mit den unerschöpflichen Menschenträften
elnes Hundertmillionenvolkes In den Krleg elngreifen könnten — darüber
konnte noch geraume Zelt vergehen. Zudem fürchteten die Mächte der Entente
für die unermeßlichen Kapltalien, die sie in Rußland angelegt hatten.
Das gewagte Spiel gelang. Die Entwicklung, welche in Rußland einsetzte,
vollzog sich unter Leitung und im Sinne der Entente. Zwar mußte die bürgerlich-4%
51