Volltext : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

der  Deutschen  eine  ernste  Überraschung:  von  Riga  her  stießen  dle  Russen  zwlschen
den  Eisenbahnen  Aga-Tukkum  und  Riga-Mitau  über  den  gefrorenen  Tirulsumpf
  vor,  und  es  bedurfte  schwerer  Kämpfe,  um  sie  zurückzuwerfen.  Und  dabei
hatte  unsere  O.  H.  L.  seit  langem  gehofft,  das  Russenvolk  würde  endllch,  der  zwecklosen
  Hinschlachtung  seiner  Söhne  müde,  das  Zarenjoch  abschütteln!

Seit  Beginn  des  neuen  Jahree  freilich  drangen  dennoch  aus  dem  feindlichen
Hlnterlande  der  russischen  Front  allerhand  Nachrichten  ble  zu  den  Eingeschlossenen
durch,  dle  ihre  Hoffnung  auf  das  rettende  Wunder  neu  belebten.  Unter  dem
Druck  der  auch  drüben  um  sich  greifenden  Teuerung  und  Lebenemittelknappheit
  war  es  in  Petersburg  und  in  anderen  Städten  zu  lmmer  stürmlscheren  Unruhen
  und  Ausständen  gekommen.  Bisber  waren  es  nur  die  früber  Nihilisten
und  Anarchisten,  jetzt  Bolschewlsten  sich  nennenden  Gruppen  der  radlkalen
Linken  gewesen,  die  gegen  die  berrschende  Staatsform  gewühlt  hatten.  Nun
stellten  sich  auch  die  bürgerlichen  Parteien  auf  die  Seite  der  Empörung  und
forderten  den  Sturz  des  Zaren  und  jener  mächtigen  reaktiondren  Elemente,
die  bisber  anschelnend  die  kelmende  Friedensneigung  dee  Zaren  Nikolaue  II.
selber  zu  unterdrücken  verstanden  hatten.  Die  Entente  hatte  kaum  wahrgenommen,
  daß  der  Zar  wohl  aus  Angst  vor  dem  drobenden  Umsturz  ulcht  mehr  unbedingt
  zuverlässig  sel,  da  ließ  sie  lhn  rasch  entschlossen  fallen  und  unterstützte
nun  selber  mit  Geld  und  Einfluß  die  revolutionären  Bestrebungen.  Die  Empörung
  des  Volkes  über  die  schamlose  Mißwirtschaft  und  Korruption,  über  das
Versagen  der  Kriegsleitung  und  über  die  persönliche  Minderwertigkelt  des
Zaren  lam  In  den  Verhandlungen  des  russischen  Relchstages,  der  Duma,
zu  rückslchtelosem  Ausbruch.  Als  der  Zar  infolgedessen  der  Duma  das  Auflösungedekret
  zustellte,  beschloß  diese  sich  in  Permanenz  zu  erklären  und  dem
Wlllen  des  Kaisers  Trotz  zu  bleten.  Die  Oppositlon  entfesselte  elnen  wütenden
Aufstand  der  Petersburger  Garnison  und  Fabrlkbenölkerung,  die  Krliegsflotte
in  Kronstadt  und  anderen  Häfen  meuterte.  Am  15.  April  zwang  eine  Abordnung
  von  Heerführern  den  Zaren  zur  Abdankung.  Er  ist  später  in  Sibirten
mit  seiner  ganzen  Familie  grausam  ermordet  worden.

Das  Wunder  war  gescheben,  die  russlsche  Revolutlon  war  da.  Welche  Auswirkung
  würde  sie  auf  die  Kriegslage  üben?  Würde  der  Umsturz  das  Ende
des  Krleges  im  Osten,  das  Ende  des  Dreifrontenkrleges  bedeuten?  Würde  die
eine  Flanke  der  belagerten  Festung  des  Ansturms  der  Feinde  ledig  werden?
Wer  kannte  Rußland,  dle  russischen  Ziele,  die  russische  Seele71

Es  war  ein  schlimmes  Zelchen,  daß  alsbald  erkennbar  wurde,  belm  Ausbruch
der  Revolution  habe  die  Entente  gegen  den  Zaren,  lhren  Verbündeten,  einen
der  ärgsten  Krlegeschuldigen,  dle  Hände  im  Splel  gebabt.  Frellich:  für  sie  war
es  eine  zwingende  Notwendigkeit,  auch  das  neue  Rußland  im  Krlege  zu  halten.
Denn  bie  der  neue  Verbündete,  bis  die  Vereinigten  Staaten,  außer  wle  bleher
mit  Krlegsmaterlal  und  Geld,  auch  mit  den  unerschöpflichen  Menschenträften
elnes  Hundertmillionenvolkes  In  den  Krleg  elngreifen  könnten  —  darüber
konnte  noch  geraume  Zelt  vergehen.  Zudem  fürchteten  die  Mächte  der  Entente
für  die  unermeßlichen  Kapltalien,  die  sie  in  Rußland  angelegt  hatten.

Das  gewagte  Spiel  gelang.  Die  Entwicklung,  welche  in  Rußland  einsetzte,
vollzog  sich  unter  Leitung  und  im  Sinne  der  Entente.  Zwar  mußte  die  bürgerlich-4%

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