Wer solch einen Schatz im Herzen irägt, hat da—
klür gesorgt, aus der Jugendzeit ins Mannesalter
Erimerungen herüberzuretten, die Marksteine seines
Lebens bedeuten. Tiefen der Seele gleichen einem
Wunderbrunnen, der geheimnisvoll die Wasser rauschen
läßt und im Glanze der Lebenssonne vergoldet.
Immer wieder nehmen ihn die lieblichen und
Unvergeßlichen Bilder der Kindheit gefangen, umflossen
von mannigsachen Lichtstrahlen, in denen
er sich sonnen durfte, wenn liebe Herzen, Vater und
Mutter, die Jugendtage mit Glück erfüllten. Es
ergreift uns bei der Richterschen Kinderlyrik das
Gefühl, als ständen alle guten Geister in uns auf,
als klängen sie wieder, jene Lieder aus dem Kinderlenze,
die uns Geheimnisse zuflüstern, über die wir
ulir ungern jemand Rechenschaft ablegen. Hören
wir zunächst den Oyriker selbst in dem Gedicht:
Meine Kindheit.
Meine Kindheit ist umduftet
von Veilchen und Hyazinth.
Die einen am Fenster gestanden sind,
Blickten voll Würde hinab.
Die andern, die kleinen, die süßen,
nickten mit freundlichen Grüßen
an meiner Mutter Grab.
Meine Kindheit ist umduftet
von Beilchen und Hyazinth.
Drinnen zwei fragende Augen sind
und ein weiches, wehtrotziges Herz.
Das dürstet nach Frieden und Liebe
und trägt wie brennende Hiebe
den leeren lachenden Scherz.
Meine Kindheit ist umduftet
von Beilchen und Hyazinth.
Drimen zwei fragende Augen sind
und ein weiches, wehtrotziges Herz.
Und dorten? — — das stille Leuchteno
Das sind die kühlenden, feuchten
Tautropsen vom Vater Schmerz.
Wir wollen uns freuen, daß in unserm deutschen
Volke die Dichter nicht aussterben, die Elternhaus
und Kindheit besingen und dadurch edle
Gemüts= und religibs-sittliche Werte pflegen und die
Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies wachhalten.
Zu diesen Sängern von Gottes Gnaden gehört
Richter, der mit Freiligrath denselben Sturm
und Drang, jene heilige Stille und zitternde Sehnsucht
im Liede niedergelegt hat, Stimmung, die bei
dem letzteren zum Ausdruck kommen in dem Gedicht
„aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit tönt
ein Lied mir immerdar“. Weil Richter so gerne
dieses Lebensfrühlings gedenkt, ergreift er immer
von neuem die Harfe, um auch den Kindern Gaben
darzubieten, die durch ihren köstlichen Inhalt, ihren
erheiternden Ton und eine entzückende Frische mit
den Kinderliedern eines Hoffmann von Fallers-Unser
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leben, eines Robert Reinick und Güll verwandt
sind. Die „Geschichte eines Pfefferkuchenmannes"“,
ein preisgelvöntes Gedicht, das neben vielen andern
vor einigen Jahren Richters Dichterruhm mitbegründen
half, sowie „König Hahn“", „Storch und
Störchin Langbein“ bekunden z. B. aufs deutlichste
sein Interesse und die genaue Kenntnis des kindlichen
Gedankenkreises, die aus dem Austausch mit
der kleinen Welt, herausgeboren und der frohen
Wirklichkeit überall abgelauscht ist. Die Phantasie
der Kinder, die ja häufig so üÜberaus reich ist,
macht Richter zum Gegenstand seiner Dichtung und
entzaubert dem Geiste Dinge, die Königtümer oder
eine ganze Welt in sich schliepen. Wir führen hier
auf den
„Burgba u'“.
Wir bauen eine Burg, suchhet
Aus Sand. Ei, der ist weiß wie Schneel
Groß und stark! So muß sie fern.
Eine einzige Brücke führt hinein.
Und rings herum
— Kinder, stellt euch nicht so dumm! —
läuft ein Graben.
Den müssen wir haben.
Die Burg, die braucht auch einen, Stall
für unsre mutigen Pferde all.
Und auch ein Zimmer muß drin sein!
Da tragen die Mädels die Puppen hinein.
Als Schönstes doch
bau'n einen Krönungssaal wir noch.
Der König sitzt drin
mit der Känigin!
Kommen die Feinde — trara! — heran,
steigen zu Pferde wir Mann für Mann.
Huh! Das ist eine heiße Schlachtl!
Die Säbel schlagen, da3 es kracht.
Da reißen sie aus!
Hurra! Nun Mädels und Puppen heraus!
Packt's Essen aus
öum Siegesschmaus!
Wie Kinderfreude und Jugendglück, wie Elternliebe
und Dankbarkeit hat der Dichter nicht minder
irdisches Leid und schwere Lebensschicsale in den
Ideenkreis seiner Lyrik hineingezogen und dadurch
unser Trieb= und Willensleben zum Mitempfinden
und Mithandeiln angeregt. Dieses innere Handeln
ist das Höchste, dessen unsere Seele beim Genuß
echter Poesie fähig sein kann, denn in der physischen
Aktion werden wir ihren Hauptgewinn zu erblicken
haben. Eine DLyrik, die kalt läßt, besitzt keinen
Wert. Wie anders bei Richter! Wer dagegen
selbst einen Adlerflug im Dienste anderer zu nehmen
vermag und von einem gewaltigen Idealismus
durchglüht ist, allein der ist imstande, die wechselvollen
menschlichen Lebensführungen derart dichterisch
zur Darstellung zu bringen, daß sie nicht nur
Spannung und Erwartung auf das Kommende er-