Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

Wer  solch  einen  Schatz  im  Herzen  irägt,  hat  da—
klür  gesorgt,  aus  der  Jugendzeit  ins  Mannesalter
Erimerungen  herüberzuretten,  die  Marksteine  seines
Lebens  bedeuten.  Tiefen  der  Seele  gleichen  einem
Wunderbrunnen,  der  geheimnisvoll  die  Wasser  rauschen
  läßt  und  im  Glanze  der  Lebenssonne  vergoldet.
  Immer  wieder  nehmen  ihn  die  lieblichen  und
Unvergeßlichen  Bilder  der  Kindheit  gefangen,  umflossen
  von  mannigsachen  Lichtstrahlen,  in  denen
er  sich  sonnen  durfte,  wenn  liebe  Herzen,  Vater  und
Mutter,  die  Jugendtage  mit  Glück  erfüllten.  Es
ergreift  uns  bei  der  Richterschen  Kinderlyrik  das
Gefühl,  als  ständen  alle  guten  Geister  in  uns  auf,
als  klängen  sie  wieder,  jene  Lieder  aus  dem  Kinderlenze,
  die  uns  Geheimnisse  zuflüstern,  über  die  wir
ulir  ungern  jemand  Rechenschaft  ablegen.  Hören
wir  zunächst  den  Oyriker  selbst  in  dem  Gedicht:

Meine  Kindheit.

Meine  Kindheit  ist  umduftet

von  Veilchen  und  Hyazinth.

Die  einen  am  Fenster  gestanden  sind,
Blickten  voll  Würde  hinab.

Die  andern,  die  kleinen,  die  süßen,
nickten  mit  freundlichen  Grüßen

an  meiner  Mutter  Grab.

Meine  Kindheit  ist  umduftet

von  Beilchen  und  Hyazinth.
Drinnen  zwei  fragende  Augen  sind
und  ein  weiches,  wehtrotziges  Herz.
Das  dürstet  nach  Frieden  und  Liebe
und  trägt  wie  brennende  Hiebe

den  leeren  lachenden  Scherz.

Meine  Kindheit  ist  umduftet

von  Beilchen  und  Hyazinth.

Drimen  zwei  fragende  Augen  sind

und  ein  weiches,  wehtrotziges  Herz.

Und  dorten?  —  —  das  stille  Leuchteno
Das  sind  die  kühlenden,  feuchten
Tautropsen  vom  Vater  Schmerz.

Wir  wollen  uns  freuen,  daß  in  unserm  deutschen
  Volke  die  Dichter  nicht  aussterben,  die  Elternhaus
  und  Kindheit  besingen  und  dadurch  edle
Gemüts=  und  religibs-sittliche  Werte  pflegen  und  die
Sehnsucht  nach  einem  verlorenen  Paradies  wachhalten.
  Zu  diesen  Sängern  von  Gottes  Gnaden  gehört
  Richter,  der  mit  Freiligrath  denselben  Sturm
und  Drang,  jene  heilige  Stille  und  zitternde  Sehnsucht
  im  Liede  niedergelegt  hat,  Stimmung,  die  bei
dem  letzteren  zum  Ausdruck  kommen  in  dem  Gedicht
  „aus  der  Jugendzeit,  aus  der  Jugendzeit  tönt

ein  Lied  mir  immerdar“.  Weil  Richter  so  gerne
dieses  Lebensfrühlings  gedenkt,  ergreift  er  immer

von  neuem  die  Harfe,  um  auch  den  Kindern  Gaben
darzubieten,  die  durch  ihren  köstlichen  Inhalt,  ihren
erheiternden  Ton  und  eine  entzückende  Frische  mit
den  Kinderliedern  eines  Hoffmann  von  Fallers-Unser

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leben,  eines  Robert  Reinick  und  Güll  verwandt
sind.  Die  „Geschichte  eines  Pfefferkuchenmannes"“,
ein  preisgelvöntes  Gedicht,  das  neben  vielen  andern
  vor  einigen  Jahren  Richters  Dichterruhm  mitbegründen
  half,  sowie  „König  Hahn“",  „Storch  und
Störchin  Langbein“  bekunden  z.  B.  aufs  deutlichste
sein  Interesse  und  die  genaue  Kenntnis  des  kindlichen
  Gedankenkreises,  die  aus  dem  Austausch  mit
der  kleinen  Welt,  herausgeboren  und  der  frohen
Wirklichkeit  überall  abgelauscht  ist.  Die  Phantasie
der  Kinder,  die  ja  häufig  so  üÜberaus  reich  ist,
macht  Richter  zum  Gegenstand  seiner  Dichtung  und
entzaubert  dem  Geiste  Dinge,  die  Königtümer  oder
eine  ganze  Welt  in  sich  schliepen.  Wir  führen  hier
auf  den
„Burgba  u'“.

Wir  bauen  eine  Burg,  suchhet

Aus  Sand.  Ei,  der  ist  weiß  wie  Schneel
Groß  und  stark!  So  muß  sie  fern.

Eine  einzige  Brücke  führt  hinein.

Und  rings  herum

—  Kinder,  stellt  euch  nicht  so  dumm!  —
läuft  ein  Graben.

Den  müssen  wir  haben.

Die  Burg,  die  braucht  auch  einen,  Stall
für  unsre  mutigen  Pferde  all.

Und  auch  ein  Zimmer  muß  drin  sein!

Da  tragen  die  Mädels  die  Puppen  hinein.
Als  Schönstes  doch

bau'n  einen  Krönungssaal  wir  noch.

Der  König  sitzt  drin

mit  der  Känigin!

Kommen  die  Feinde  —  trara!  —  heran,
steigen  zu  Pferde  wir  Mann  für  Mann.
Huh!  Das  ist  eine  heiße  Schlachtl!

Die  Säbel  schlagen,  da3  es  kracht.

Da  reißen  sie  aus!

Hurra!  Nun  Mädels  und  Puppen  heraus!
Packt's  Essen  aus

öum  Siegesschmaus!

Wie  Kinderfreude  und  Jugendglück,  wie  Elternliebe
  und  Dankbarkeit  hat  der  Dichter  nicht  minder
irdisches  Leid  und  schwere  Lebensschicsale  in  den
Ideenkreis  seiner  Lyrik  hineingezogen  und  dadurch
unser  Trieb=  und  Willensleben  zum  Mitempfinden
und  Mithandeiln  angeregt.  Dieses  innere  Handeln
ist  das  Höchste,  dessen  unsere  Seele  beim  Genuß
echter  Poesie  fähig  sein  kann,  denn  in  der  physischen
  Aktion  werden  wir  ihren  Hauptgewinn  zu  erblicken
  haben.  Eine  DLyrik,  die  kalt  läßt,  besitzt  keinen
  Wert.  Wie  anders  bei  Richter!  Wer  dagegen
selbst  einen  Adlerflug  im  Dienste  anderer  zu  nehmen
  vermag  und  von  einem  gewaltigen  Idealismus
durchglüht  ist,  allein  der  ist  imstande,  die  wechselvollen
  menschlichen  Lebensführungen  derart  dichterisch
  zur  Darstellung  zu  bringen,  daß  sie  nicht  nur
Spannung  und  Erwartung  auf  das  Kommende  er-