Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. (25)

320  II.  6.  Süddeutsche  Verfassungskämpfe.

Überaus  eifrig  als  Soldat,  ein  Verwaltungsmann  von  sicherem
Blick  und  großer  Arbeitsamkeit,  ein  trefflicher  Landwirt  und  ausgezeichneter
  Pferdezüchter,  in  seinen  Lebensgewohnheiten  einfach,  geregelt  und,
obwohl  keineswegs  sittenstreng,  doch  frei  von  der  Schamlosigkeit  des  Vaters
—  so  war  der  neue  König  allen  den  praktischen  Geschäften  des  Lebens,
welche  durch  Klugheit  und  Energie  bewältigt  werden  können,  vollauf  gewachsen.
  Was  darüber  hinaus  liegt  war  seinem  Geiste  verschlossen.  Die
Kirche  betrachtete  er  gleich  seinem  Vater  mit  dem  Spotte  des  Voltairianers,
nur  daß  ihm  die  Religion  unentbehrlich  schien  um  den  dummen  Haufen
in  Zucht  zu  halten;  die  „Ideologie“  der  freien  Wissenschaft  blieb  ihm  ein
unbequemes  Rätsel,  halb  lächerlich,  halb  furchtbar,  wie  er  denn  auch  als
ein  echter  rheinbündischer  Berufssoldat  den  freien  Geist  des  preußischen
Heeres  nie  verstehen  lernte;  seine  Kunstliebe  endlich  erhob  sich,  gleich  dem
Mäcenatentum  vieler  anderer  Kleinfürsten,  niemals  über  jene  Bildungsstufe,
  welche  das  Ideal  allein  in  nackten  Weibergestalten  findet.  Ein  solcher
Mann,  zu  unruhig  für  das  Stilleben  eines  Kleinstaats  und  doch  zu
selbstisch  um  die  Hohlheit  einer  Souveränität  ohne  Macht  einzusehen,
konnte  in  die  verschlungenen  Fäden  der  deutschen  Bundespolitik  nur  einige
hemmende  Knoten  mehr  einknüpfen;  dem  gemütvollen  Tiefsinn  der  schwäbischen
  Volksnatur  blieb  er  innerlich  ebenso  fremd  wie  einst  König  Friedrich.
Der  herkömmliche  Jubel  der  ersten  Wochen  verrauschte  schnell.  In  einer
langen  Regierung  wurde  der  König,  trotz  seiner  unbestreitbaren  Verdienste
um  den  Wohlstand  des  Landes,  nie  wieder  wahrhaft  volksbeliebt;  man
konnte  sich  kein  Herz  zu  ihm  fassen  und  lernte  auch  bald  den  häßlichsten
Zug  seines  Charakters  fürchten,  die  nachtragende  Unversöhnlichkeit.

Das  neue  Regiment  begann  sofort  mit  dankenswerten  Reformen:
der  tolle  Prunk  und  der  Jagdunfug  des  Hofes  wurden  beseitigt,  mehrere
Steuern  herabgesetzt,  zahlreiche  Gefangene  begnadigt,  einige  Günstlinge
des  verstorbenen  Fürsten  in  der  Stille  entfernt.  Während  der  Hungersnot
  der  nächsten  Monate  bewährte  die  Königin  ihre  männliche  Willenskraft
  im  weiblichsten  Berufe;  treu  ihrem  Ausspruch:  „helfen  ist  der  hohe
Beruf  des  Weibes  in  der  Gesellschaft“  überspannte  sie  das  ganze  Land
mit  einem  Netze  von  Frauenvereinen,  Sparkassen,  gemeinnützigen  Stiftungen
  aller  Art  und  zeigte  sich  bei  diesem  Liebeswerke  so  menschlich  groß,
daß  bald  nachher  ihr  früher  Tod  in  jedem  Dorfe  Schwabens  wie  ein
Landesunglück  beweint  wurde.  Selbst  Uhland,  der  Verächter  der  Höfe,  legte
der  Volksmutter  einen  duftigen  Kranz  auf  den  Sarg,  und  Kerner  klagte:

Wie  sie  früh  von  Gott  erlesen,

Eine  Heil'ge,  uns  verschwand.
Auf  der  Höhe,  wo  einst  die  Stammburg  des  Fürstenhauses  gestanden
hatte,  fand  die  hochherzige  Fürstin  ihr  Grab,  und  die  Württemberger  wallfahrteten
  zu  der  Kapelle  des  Rothenbergs  mit  ähnlichen  Empfindungen
wie  die  Preußen  zu  dem  Charlottenburger  Tempel.