64 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Jan. 18.—20.)
besonders nach seiner achtzigjährigen militärischen Dienstthätigkeit aufs tiefste
und schmerzlichste berührt. Die Bewilligung auf drei Jahre hätte vom
militärischen Standpunkte als ausreichend nicht erachtet werden können.“ Der
Kaiser giebt der Hoffnung auf spätere Bewilligung der Vorlage Ausdruck und
wünscht den Landtagsarbeiten gutes Gedeihen.
18. Jan. Der bisherige Ministerresident in Santjago (Chile),
Frhr. Schenck zu Schweinsberg, wird zum außerordentlichen
Gesandten beim Schah von Persien ernannt.
19. bzw. 20. Jan. (Preußen. Herrenhaus: Adresse.)
Frhr. v. Solemacher-Antweiler hatte am 15. einen von 46 Mitgliedern
der Rechten unterstützten Antrag, eine Adresse an den Kaiser
zu richten, eingebracht und denselben mit folgenden Motiven versehen:
„Se. Majestät unser erhabener Kaiser und König hat in Übereinstimmung
mit den verbündeten Regierungen eine Verstärkung der deutschen
Heeresmacht für notwendig erachtet, um unter gespannten Verhältnissen Deutschland
und Europa die Wohlthaten des Friedens zu erhalten, dessen Wahrung
seit einer langen Reihe von Jahren der erfolgreichen Sorge Sr. Majestät
unseres Kaisers und seiner Bundesgenossen zu danken ist. Der deutsche Reichstag
hat aber die Bewilligung der ihm gemachten Vorlage an Bedingungen
geknüpft, welche ihm neue, von dem bisherigen Herkommen abweichende Befugnisse
geben sollten. In dem verhängnisvollen Augenblicke des Scheiterns
der unentbehrlichen Heeresvorlage und nachdem hieraus die Notwendigkeit
der Auflösung des Reichstags sich ergeben hat, erfüllt das Herrenhaus seinen
Beruf, wenn es Sr. Majestät die Versicherung unwandelbarer Treue und
die Zuversicht ausspricht, daß das preußische Volk zu jedem Opfer bereit
sein werde, um seine Armee dauernd in dem zur Sicherung des Vaterlandes
notwendigen Stande zu erhalten.“
Der Antrag war mit großer Mehrheit — nur einige Ultramontane
stimmten dagegen — angenommen und einer Kommission die
Abfassung der Adresse übertragen worden. Der Entwurf der Kommission
wird am 19. einstimmig angenommen. Die Adresse lautet:
„Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser und König! Allernädigster
Kaiser, König und Herr! Ew. Kaiserliche und Königliche Majestät
sind der Schöpfer des preußischen Heeres in seiner gegenwärtigen Gestalt.
Durch dessen und unserer Bundesgenossen Heldenmut haben Ew. Kaiserliche
und Königliche Majestät das deutsche Reich in nie dagewesener Macht
und Herrlichkeit wiederhergestellt und gestützt auf die jetzt einheitliche deutsche
Armee durch Allerhöchstderen Weisheit den Frieden Europas während langer
Jahre erhalten. Gerade gegenwärtig sind die staatlichen Beziehungen der
Völker Europas zu einander mannigsach so gespannt, daß die Gefahr nicht
ausgeschlossen ist, auch das deutsche Reich unerwartet in Krieg verwickelt zu
sehen. Darum ist mit dem ganzen Lande das preußische Herrenhaus tief
bewegt, daß Ew. Kaiserlichen und Königlichen Majestät nach einer so langen
glorreichen und gesegneten Regierung der Schmerz nicht erspart ist, daß die
Bewilligung der Mittel, welche Allerhöchstdieselben und die verbündeten
deutschen Regierungen in einem solchen Augenblicke zur vollen Wehrhaftigkeit
der deutschen Armee erforderlich halten, an eine Einschränkung geknüpft
wurde, welche dem auf wiederholten Kompromissen beruhenden Herkommen