Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1906. (33)

70  Das  Deutsche  Reich  uud  seine  einzelnen  Glieder.  (März  7.,  8.)

von  dem  Heiligen  Stuhl  ergriffenen  scharfen  Maßregeln  kennzeichnen  die
Größe  der  Gefahr,  den  Ernst  der  Situation.

Abg.  Dr.  v.  Campe  (Nl.)  schließt  seine  Rede,  die  sich  viel  mit  der
Vergangenheit  beschäftigt:  Ich  möchte  dem  Minister  des  Auswärtigen  und
dem  Kultusminister  ein  Paar  Bismarcksche  Kürassierstiefel  wünschen.  Treten
Sie  nur  einmal  fest  auf,  wir  haben  einen  guten  preußischen  Boden  unter
uns.  Dann  wird  der  Sieg  unser  sein,  das  lehrt  uns  die  Geschichte,  und
die  wird  unser  Lehrer  sein  trotz  aller  Enzykliken.

7.  März.  (Freiburg  i.  B.)  Auf  Ersuchen  des  Erzbischofs
schließt  sich  die  katholisch-theologische  Fakultät  der  Erklärung  der
Breslauer  an,  daß  der  Antimodernisteneid  gar  nichts  Neues  enthalte.

7.  März.  Reichstagsstichwahl  in  Immenstadt.

Rechtsanwalt  Dr.  Thoma  (Lib.)  wird  mit  14363  gegen  Amtsrichter
Emminger  (Z.)  mit  12791  Stimmen  gewählt.  Damit  hat  das  Zentrum
seit  der  Finanzreform  von  1909  zum  erstenmal  ein  Mandat  verloren.

7.  März.  (Schaumburg-Lippe.)  Der  Landtag  beschließt
Steuerfreiheit  für  alle  Teilnehmer  an  einem  deutschen  Feldzuge,
die  weniger  als  1200  Mark  Einkommen  haben.

Für  Inhaber  des  Eisernen  Kreuzes  oder  der  Landesmilitärverdienstmedaille
  erhöht  sich  die  Grenze  auf  1500  Mark.

8.  März.  Handelsminister  Sydow  und  der  Bund  der  Landwirte.

Die  „Korrespondenz  des  Bundes  der  Landwirte“  zieht  ihre  Unterstellung
  vom  4.  März,  daß  der  Handelsminister  „sich  sicher  durch  seine  Fußwaschung
  am  Hansabunde“  die  Anwartschaft  auf  eine  pekuniär  wesentlich
bebeserte  Stellung  in  den  goldenen  Auen  der  Hansabundsgebieter  erworben“

habe,  zurück.

8.  März.  (München.)  Hilfsaktion  der  Kraus-Gesellschaft.

Von  den  24  Geistlichen,  die  wegen  ihrer  Weigerung,  den  Antimodernisteneid
  zu  leisten,  ihre  Stellung  verloren  haben,  erhalten  14  Unterstützungen.
  10  Priesteramtsaspiranten  haben  ihr  Seminar  verlassen  und
einen  andern  Beruf  erwählt.

8.  März.  (Preuß.  Abgeordnetenhaus.)  Fortsetzung  der
allgemeinen  Besprechung  des  Kultusetats.  Der  Antimodernisteneid.

Abg.  Dr.  Friedberg  (Nl.):  In  innere  kirchliche  Angelegenheiten
wollen  wir  nicht  eingreifen.  Aber  das  Verhältnis  von  Staat  und  Kirche
ist  bei  uns  doch  ein  anderes  als  in  anderen  Ländern.  Bei  uns  besteht
eine  weitgehende  Verbrüderung  von  Staat  und  Kirche.  Das  ist  eine  Sonderheit
  unserer  kirchenpolitischen  Verhältnisse.  Infolgedessen  mußte  bei  solchen
schwerwiegenden  Maßnahmen  von  seiten  der  römischen  Kurie  vorher  eine
Verständigung  gesucht  werden.  Der  Staat  unterhält  auch  aus  seinen  Mitteln
zum  Teil  die  katholische  Kirche.  Das  Zentrum  hat  uns  so  oft  vorgehalten,
daß  wir  von  inneren  katholischen  Einrichtungen  nichts  verständen.  Dieses
Kompliment  muß  ich  hier  den  Herren  zurückgeben.  Dr.  Porsch  scheint  von
den  Dingen  in  der  evangelischen  Kirche  nicht  die  geringste  Vorstellung  zu
haben,  denn  sonst  würde  er  nicht  gesagt  haben,  daß  auf  evangelischer  Seite
eine  Bindung  in  demselben  Maße  vorhanden  sei  wie  auf  katholischer.  Der
evangelische  Geistliche  ist  nur  an  Dogmen  gebunden,  soweit  sie  durch  die
Forschung  in  der  Heiligen  Schrift  erweisbar  sind,  und  die  Forschung  in  der