Drüfungsjahre. 39
kam, stand er bereits in Gera und antwortete dem Könige Friedrich
Wilhelm, der das preußische Ultimatum mit einem eigenhändigen Schreiben
an Mapoleon begleitet hatte, ironisch: er sei selbst da, die Antwort zu
überbringen. Und am 0. Oktober stießen bereits die Dortruppen beider
Keere bei Schleiz in blutigem Gefechte aufeinander.
So begann, ohne daß eine Kriegserklärung erfolgt war, der gewaltige
Krieg zwischen Oreußen und Frankreich, in dem es sich in Wahrheit
um nichts anderes handelte, als französische Dergewaltigung von
Deutschland abzuwehren. Er nahm einen traurigen Ausgang, weil man
in Oreußen von vornherein nicht recht an den Ernst der Sache glaubte,
weil das preußische Volk den Krieg so ansah, als ob er nur die Soldaten,
aber nicht im geringsten das ganze Dolk anginge, weil das preußische
Heer unzulänglich ausgerüstet und gegen das französische um ein starkes
Viertel in der Minderzahl war, ein Mißstand, der durch die Teilung
in mehrere Armeen noch vergrößert wurde, weil die oberste Beeresleitung
ohne Klarheit und Entschiedenheit handelte und es nicht verstand,
widerstrebende Elemente mit Nachdruck sich fügsam zu machen. An die
Fabel, daß die Generale zu alt und die Offiziere zum großen Teile untüchtig
gewesen wären, kann heute der Einsichtige nicht mehr glauben.
Immerhin erwies sich auch der Umstand folgenschwer, daß als der
Krieg begann, die russischen Truppen in der Walachei kämpften, so daß
Monate vergehen mußten, bevor sie an der Seite der Hreußen in den
Krieg gegen Frankreich eingreifen konnten.
So wurde sehr gegen seinen Willen der redliche, den Frieden aufrichtig
liebende König in einen Krieg hineingezogen, der über die königliche
Familie wie über das ganze preußische olk so unendlich viel Rerzeleid
gebracht hat. Doch nicht eigentlich hierin liegt die geschichtliche
Bedeutung dieser Drüfungsjalre Hreußens, sondern vielmehr in dem
Umstande, daß durch diese Hrüfungsjahre die Grundlinien der preußischen
Dolitik auf zwei Alenschenalter festgelegt worden sind, bis König Wilhelm
für sie neue Wege gefunden hat: weswegen es notwendig war, ausführlicher
bei diesen Jahren zu verweilen. Denn wer möchte verkennen,
daß König Wilbelm aus ihnen zur rechten Seit die Motive seines
Handelns genommen hatd