Volltext : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

Mit  tiefer  Rührung  hielt  ich  dies  schlichte  und  doch  so  beredte
Zeugnis  einer  ergreifenden  Episode  aus  der  Jugend  meines  Großvaters
  in  Händen.  Verklungene  und  nun  längst  versunkene  Zeiten
steigen  aus  den  vergilbten  Blättern  wieder  auf  und  künden  von  der
tiefen  Liebe  zweier  Fürstenkinder  und  ihrem  schmerzvollen  Entsagen.
Ich  bewahre  das  Büchlein  als  ein  teures  Heiligtum.

II.

Das  schönste  Verhältnis,  das  man  sich  zwischen  Großmutter  und
Enkel  nur  vorstellen  kann,  hat  mich  mit  Kaiserin  Augusta  verbunden,
es  war,  möchte  ich  sagen,  so  innig,  wie  man  es  in  Romanen  liest.
Die  Kaiserin,  die  im  allgemeinen  einen  zeremoniösen  Eindruck  machte,
oft  sogar  vor  Menschen  etwas  Formelles,  ja  Steinernes  an  sich  hatte,
war  in  kleinem  Kreise  und  nun  gar  unter  vier  Augen  warm  und
herzlich  und  liebevoll  besorgt.  Nicht  nur,  daß  sie  mich  außerordentlich
verzogen  und  vorgezogen  hat,  wie  das  die  richtigen  alten  Großmütter
so  gern  tun,  hat  sie  sich  auch  um  meine  geistige  Entwickelung  in  der
gütigsten  Weise  bekümmert.  Wenn  Professor  Werder  zum  Literaturunterricht
  da  war  und  ein  Drama  mit  verteilten  Rollen  gelesen
wurde,  kam  sie  immer  ins  Schulzimmer  und  hörte  voller  Interesse
zu,  die  weimarische  Prinzessin,  die  Goethe  noch  persönlich  gekannt
hat  und  auch  nach  ihrer  Bermählung  in  Briefwechsel  mit  dem  großen
Olpmpier  geblieben  ist,  hat  sie  nie  verleugnen  können.  Kam  ich  zu
den  Ferien  aus  Kassel  nach  Hause,  dann  mußte  ich  ihr  meine  Zeugnisse
  zeigen  und  ihr  alles  erklären,  die  Unterrichtsfächer,  die  Lehrer
und  die  Mitschüler.  Am  meisten  hat  sich  meine  Großmutter  wohl
in  der  letzten  Zeft  vor  meiner  Einsegnung  um  mich  bekümmert,  wovon
  ich  bereits  sprach,  sie  hat  damals  vielem,  was  mein  kindlicher
Geist  nicht  verstanden  hatte,  erst  Leben  und  Farbe  gegeben.  In  ihrem
festgegründeten  Glauben,  mit  ihrem  praktischen  Christentum  und  ihrem
steten  Zurückgehen  auf  die  Person  des  Herrn  ist  sie  —  gleich  meiner

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