Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Haltung  Preußens.  79

regelmäßigen  Wechsel  der  Oberhauptswürde  dem  Reiche  gegenüber  an  sich
nicht  besser  gestellt,  als  wenn  die  Jentralgewalt  in  der  Hand  eines  erblichen
Herrschers  ruhte,  sobald  die  Befugnisse  dieser  Gewalt  die  gleichen  blieben.
Aber  ihre  DOynastien  hätten  an  Ansehen  gegenüber  der  kaiserlichen  verlieren,
zu  ihr  in  ein  dauerndes  Abhängigkeitsverhältnis  treten  müssen.  Es  war  demnach
  nicht  so  sehr  das  einzelstaatliche,  wie  das  dynastische  Interesse,  welches
sich  der  von  Dahlmann  und  seinen  Mitarbeitern  vorgeschlagenen  Lösung
widersetzte.

So  stellte  sich,  während  die  Wahlen  zur  Nationalversammlung  stattfanden,
bereits  mit  voller  Deutlichkeit  heraus,  daß  es  unmöglich  sein  werde,  den
Entwurf  der  17  als  gemeinsamen  Vorschlag  der  deutschen  Regierungen  dem
Parlament  vorzulegen.  Ebenso  undenkbar  aber  mußte  es  erscheinen,  in  der
kurzen  verbleibenden  8Lwischenzeit  etwa  eine  Einigung  über  ein  anderes  Verfassungsprojekt
  herbeizuführen.  Weder  die  Ubertragung  dieser  Aufgabe  an
den  Bundestag,  noch  eine  Erneuerung  des  früheren  Kongreßplanes,  noch  eine
diplomatische  Verhandlung  der  einzelnen  Regierungen  untereinander  bot
Aussicht  auf  Erfolg.  Man  wird  sagen  dürfen,  daß  es  nur  dann  möglich  gewesen
  wäre,  vor  dem  Zusammentritt  der  Nationalversammlung  einen
von  allen  Regierungen,  vielleicht  mit  Ausnahme  Ösierreichs,  gebilligten  Verfassungsentwurf
  zustande  zu  bringen,  wenn  die  preußische  Regierung
genau  gewußt  hätte,  was  sie  wollte  und  mit  dem  stärksten  Nachdruck
auf  der  Annahme  ihres  Planes  durch  die  übrigen  Regierungen  bestanden
hätte.

In  Preußen  aber  wurde  gerade  durch  den  Dahlmannschen  Entwurf  die
tiefgreifende  Meinungsverschiedenheit  zwischen  dem  König  und  dem  Ministerium
  über  die  Grundlagen,  auf  denen  die  neue  Verfassung  zu  errichten  sei,
allen  zum  Bewußtsein  gebracht.  Vorhanden  war  sie  ja  längst  gewesen;  aber
man  hatte  den  heiklen  Punkt  möglichst  lange  unberührt  gelassen.

Der  König  hatte  sich  nach  dem  Abflauen  der  eigentlichen  Revolutions-=bewegung
  von  der  ersten  Uberraschung  allmählich  erholt.  Es  war  ihm  zum
Bewußtsein  gekommen,  daß  die  Treue  seines  Heeres  unerschüttert  sei,  daß
ein  großer  Teil  seines  Volkes,  namentlich  in  den  östlichen  Provinzen,  auf  die
Märzerrungenschaften  wenig  Wert  legte  und  jedenfalls  keine  Neigung  habe,
zu  ihrer  Verteidigung  die  Waffen  gegen  ihn  zu  ergreifen.  In  Potsdam,  wohin
er  seine  Residenz  verlegt  hatte,  fühlte  er  sich  vor  der  Wiederholung  solcher
Szenen,  wie  er  sie  in  Berlin  erlebt  hatte,  sicher;  und  bald  begann  er  mit  dem
Gedanken  einer  gewaltsamen  Unterwerfung  der  Hauptstadt  zu  spielen.  Immer
mehr  befestigte  sich  in  ihm  die  Überzeugung,  daß  die  ganze  Revolution  nur
das  Werk  einiger  Bösewichter  ausländischer  Herkunft  gewesen  sei,  während
das  preußische  Volk  nach  wie  vor  lediglich  auf  seinen  König  blicke  und  von