Garibaldi,
eine psychologisch-biographische Studie
von
Reuchlin.
Diejenigen Jahre sind die selteneren, welche von einem Mannesnamen
so durchklungen und beherrscht werden, daß wir, in die Mitte einer
politischen Unterredung eintretend, sofort wissen, wer der „Er“ ist, um
welchen es sich handelt. Das Jahr 1860 und besonders seine Mitte
stand unter einem solchen Gestirne. Durch alle Welttheile erscholl der
Ruf eines Mannes, welcher unsere Zeit in den Augen einer späteren
Nachwelt als eine romantische wird erscheinen lassen. Seltsam ist, daß
dieser Mann noch im vorhergehenden Jahre von Zeitschriften ersten Nangs,
von hohen amtlichen Autoritäten als Räuber, und zwar nicht blos im
bildlichen Sinne, bezeichnet worden war, während die öffentliche Meinung
des Jahres 1860 in ihm einen Mann von antiker Größe, von unbefleckter
Uneigennützigkeit bewunderte.
Ein solcher Widerspruch verlangt eine Lösung; gründlich kann sie
erst später durch die Geschichte geboten werden, welche die vorbereitenden
und namentlich die bei den Ereignissen des eben abgelaufenen Jahres
mitwirkenden Kräfte in ihren geheimen Gängen zu erforschen und die
Persönlichkeiten ins rechte Licht zu stellen hat, sowohl diejenigen, welche
leitend auf Garibaldi Einfluß übten, als welche von ihm albgestoßen wurden.
— Die nicht leichte Aufgabe, welche wir uns stellen, ist: den Faden
seiner Biographie verfolgend aus mündlichen, brieflichen und gedruckten
Quellen dasjenige beizubringen, was vorläufig psychologische Ausschlüsse
über Garibaldi zu geben vermag. Abgesehen von der Tragweite seiner