Volltext : Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 1. (1)

14  Paul  Rohrbach

sischen  Seite  her  erschienen  ebenfalls,  ohne  daß  die  Eröffnung  der  Feind—
seligkeiten  angezeigt  worden  wäre,  Bomben  werfende  Flieger  über  offenen
Städten  in  Süddeutschland  und  versuchten  die  Eisenbahnen  zu  zerstören.
Französische  Abteilungen  überschritten  die  deutsche  Grenze  und  besetzten
deutsche  Ortschaften.  Französische  Flieger  überflogen  das  neutrale  Holland
und  das  gleichfalls  noch  neutrale  Belgien  in  feindseliger  Absicht  gegen  den
deutschen  Niederrhein.  Eine  größere  Anzahl  französischer  Offiziere,  in  deutsche
Uniformen  verkleidet,  suchten  im  Automobil  die  holländisch-deutsche  Grenze
zu  überschreiten,  um  Zerstörungen  auf  deutschem  Boden  anzurichten.  Es
ist  deutlich,  daß  sowohl  Rußland  als  auch  Frankreich  Deutschland  dazu  bringen
wollten,  seinerseits  den  Krieg  zu  erklären,  damit  vor  der  Welt  der  Schein
des  Friedensbruches  auf  Deutschland  fiele.

Erst  als  es  vollkommen  deutlich  geworden  war,  daß  keine  Hoffnung
mehr  auf  die  Erhaltung  des  Friedens  bestand,  wurde  in  Deutschland  der
Kriegszustand  verkündet.  Der  Kriegszustand  bedeutet  noch  nicht  die  Kriegserklärung
  selbst,  aber  er  ist,  wie  die  Mobilmachung,  ihr  unmittelbarer  Vorläufer.
  Alle  öffentlichen  Gebäude,  namentlich  die,  die  für  die  Kriegsvorbereitung
  wichtig  sind,  und  alle  Verkehrsanlagen,  Eisenbahnen,  Brücken,
Tunnel  usw.  wurden  unter  militärische  Bewachung  gestellt,  da  Anschläge  der
Gegner  auf  sie,  Störung  unserer  Mobilmachung  und  unseres  Aufmarsches
zu  erwarten  waren.  Wußte  man  doch  bei  uns,  wie  sehr  solche  Pläne  durch
die  jahrelang  betriebene  feindliche  Spionage  vorbereitet  waren.  In  den
Jahren  von  1906—  1915  mußten  in  Deutschland  115  Personen  wegen  versuchter
  oder  ausgeführter  schwerer  Spionage  zugunsten  Rußlands,  Frankreichs
  und  Englands  verurteilt  werden.  Einbruch  unter  Mitführung  von
Waffen,  Diebstahl,  Angriffe  auf  Posten,  Verkleidung  in  Offiziersuniformen
waren  unter  den  Mitteln,  die  die  Spione  benutzten.  Die  gerichtlichen  Untersuchungen
  gaben  ein  klares  Bild  über  die  Organisation  und  Arbeitsmethode
der  Spionage  in  Deutschland.  Die  Zentralstellen  befanden  sich  im  Ausland,
vielfach  in  benachbarten  kleinen  neutralen  Staaten.  Mehrfach  trat  offen  die
Beteiligung  fremder,  in  Deutschland  beglaubigter  Botschaften  und  Konsulate
zutage;  ebenso  erfuhr  man,  daß  Rußland,  Frankreich  und  England  die  über
das  deutsche  Verteidigungswesen  erhaltenen  Nachrichten  miteinander  austauschten.


Die  Spionage  war  mit  großen  Geldmitteln  ausgestattet  und  suchte
womöglich  Militärpersonen  und  Beamte,  wenn  das  nicht  ging,  zweifelhafte
  Existenzen  aller  Art,  zum  Landesverrat  zu  verleiten.  Harmlos  erscheinende
  kleine  Anforderungen  machten  den  Anfang,  dann  kam  Verleitung
zu  Pflichtwidrigkeiten,  dann  Erpressung  von  Verrat  unter  Androhung  der
Anzeige.  Den  Spionen  wurden  genaue  Instruktionen  bis  ins  kleinste  über  die
Ausführung  des  Vorhabens  gegeben;  sie  wurden  mit  photograpbhischen
Apparaten,  falschen  Schlüsseln,  gefälschten  Legitimationspapieren  u.  dgl.
ausgerüstet;  sie  bezogen  feste  monatliche  Gehälter,  besondere  Vergütungen
bei  guten  Lieferungen  und  hohe  Preise  für  speziell  geheime  Gegenstände,
wie  Instruktionen,  Waffenteile,  Pläne  von  Festungen.  Vor  allen  Dingen
wurden  die  Grenzgebiete,  die  Eisenbahnen,  Brücken  und  Kunstbauten  an