Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg

204  Pas  Perisqhe  Reit  und  seine  einzelnen  Slieder.  (März  16.)

tums  in  Oesterreich  wirken  zu  lassen.  Die  Deutschen  drüben  kämpfen  einen
schweren  Kampf,  auch  fur  unsere  Interessen.  An  seinen  Takt,  seine  staatsmännischen
  Eigenschaften  stelle  ich  damit  große  Ansprüche;  aber  ich  glaube,
der  Kanzler  besitzt  diese.  Dann  sollte  auch  die  ängstliche  Rücksichtnahme
auf  das  Ausland  bei  der  Erwägung  unserer  gesetzlichen  Maßnahmen  endlich
  eingeschränkt  werden;  es  ist  ein  unerträglicher  Zustand.  Endlich  muß
er  dafür  sorgen,  daß  das  böse  Wort  „Wer  sich  auf  das  Auswärtige  Amt
verläßt,  ist  gewiß  verlassen“,  seine  Bedeutung  verliert.  Es  sind  ja  einzelne
Fälle  angeführt  worden;  ich  könnte  eine  Menge  weiterer  anführen,  so  den
Fall  Haß,  dessen  sich  der  Staatssekretär  aus  seiner  Petersburger  Zeit  erinnern
  wird.  Das  heutige  Gebaren  des  Auswärtigen  Amtes  in  der  Kommission
  muß  vielfach  beanstandet  werden.  Es  geht  durch  die  Handhabung
der  Politik  seitens  des  Auswärtigen  Amtes  ein  femininer  Zug;  man  könnte
sie  charakterisieren  mit  den  Zitaten  aus  „Kabale  und  Liebe“:  „Die
Limonade  ist  matt  wie  deine  Seele“,  und  „Ein  Bonmot  von  vorgestern,
die  Mode  vom  vorigen  Jahre“.

Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg:  Ich  bitte  Sie,  mir
noch  einige  Minuten  Gehör  zu  geben.  Der  Abg.  v.  Liebermann  hat  vorhin
  Angriffe  auf  das  Auswärtige  Amt  und  auf  dessen  verdienstvollen  Leiter
hier  in  die'em  Hause  gerichtet,  die  in  dieser  Allgemeinheit  das  Unerhörteste
sind,  was  ich  in  meinem  Leben  je  gehört  habe.  Er  hat  gesagt,  der  Deutsche
im  Ausland,  der  sich  auf  das  Auswärtige  Amt  verlassen  wollte,  sei  in  der
Welt  verlassen.  Eine  solche  Behauptung  weise  ich  mit  Entrüstung  zurück,
solange  nicht  Beweise  im  einzelnen  erbracht  werden,  daß  eine  solche  Behauptung
  berechtigt  ist.  Außerdem  hat  der  Abg.  v.  Liebermann  —  das
sollte  wohl  etwas  Angenehmes  für  mich  sein  —  geschieden  zwischen  der
Politik,  die  ich  führe,  und  der,  die  vom  Auswärtigen  Amte  geleitet  wird.
Derartige  Unterschiede  können  nicht  gemacht  werden.  Wenn  jemand  angegriffen
  werden  soll,  so  greifen  Sie  mich  an,  ich  bin  es,  der  die  Verantwortung
  zu  tragen  hat  und  der  sie  auch  trägt.  Derartige  Verunglimpfungen
eines  pflichttreuen  Beamten,  wie  sie  hier  vorgenommen  worden  sind,  kann
icch  nur  als  unerhört  bezeichnen.

Staatesekretär  v.  Schön:  Ich  kann  den  Darstellungen  des  Grafen
Kanitz  über  die  Marokko-Angelegenheit  nur  zustimmen.  Von  uns  kann
die  ganze  Anleihefrage  nur  so  behandelt  werden,  daß  die  allgemeine  Lage
in  Marokko  endlich  zu  einer  Konsolidierung  geführt  wird.  Die  deutschen
Finanzkreise,  welche  eine  Anleihe  in  Marokko  bewilligt  haben,  müssen  befriedigt
  werden;  die  deutschen  Kaufleute,  welche  Forderungen  haben,  die
deuischen  Firmen,  welche  größere  Aufträge  ausgeführt  haben,  alle  diese
Gläubiger  müssen  befriedigt  werden.  Allerdings  ist  die  jüngste  Anleihe
noch  nicht  abgeschlossen.  Die  Sache  ist  aber  im  Gange.  Wir  können  mit
Zuversicht  hoffen,  daß  neues  Leben  in  Marokko  erweckt  wird,  und  daß
dann  unsere  Handelebeziehungen  in  Marokko  auch  wachsen.  Der  Abg.
Kaempff  hat  über  die  Verhältuisse,  die  die  jüdischen  Reisenden  in  Rußland
vorfinden,  gesprochen.  Für  die  Pässe  nach  Rußland  wird  allerdings  verlangt,
  daß  eine  Eintragung  über  die  Religionsverhältnisse  erfolgt.  Wir
haben  wiederholt  Vorstellungen  bei  der  russischen  Regierung  gemacht,  auch
Frankreich  und  die  Vereinigten  Staaten  haben  dasselbe  getan  Auf  unsere
Bitte  hin,  die  Zulassung  von  jüdischen  Aerzten  in  Rußland  zu  ermöglichen,
hat  uns  die  russische  Regierung  geantwortet,  daß  eine  allgemeine  Reform
der  Paßbestimmungen  ins  Auge  gefaßt  sei,  daß  aber  vor  dem  Inkrafttreten
  der  neuen  Bestimmung  den  Wünschen  der  deutschen  jüdischen  Aerzte
nicht  Rechnung  getragen  werden  könnte.  Der  Abg.  v.  Liebermann  hat
heute  Angriffe  gegen  mich  gerichtet.  Er  hat  versucht,  meine  Person  zu