Full text : Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft. Neunter Band. Jahrgang 1853. (9)

370  Betrachtungen  über  Armenpflege  und  Heimathsrecht,

Bemerkungen  haben  auch  nur  den  Zweck  darauf  aufmerksam  zu  machen,
dass  sich  schon  jetzt  bedeutende  Interessen  an  diese  Institute  knüpfen  und
andrerseits  ihre  Lage  noch  nicht  als  eine  befriedigende  angesehen  werden
kann.

Beilage  IV.

Ausschreiben  der  k.  Landdrostei  zu  Lüneburg,  die  Ertheilung  der
Trauscheine  betreffend.  Lüneburg,  den  5.  October  1840.

Es  ist  die  Bemerkung  gemacht  worden,  dass  die  Obrigkeiten  bei  Ertheilung
  der  Trauscheine,  namentlich  wenn  die  Verheirathung  von  Handarbeitern,
  Tagelöhnern  oder  geringen  Handwerkern  in  Frage  kommt,  nicht
immer  nach  richtigen  Grundsätzen  verfahren.

Wir  theilen  daher  denselben  nachstehend  die  Grundsätze  mit,  nach
welchen  dieselben  sich  im  Wesentlichen  rücksichtlich  dieses  Gegenstandes
zu  richten  haben.

Wie  im  Allgemeinen  bei  entstehendem  Widerspruch  der  Gemeinde  die
Frage,  ob  der  Trauschein  ertheilt  werden  soll,  nach  den  durch  diensame
Erkundigungen  aufzuklärenden  Verhältnissen  der  Verlobten  und  der  vorhandenen
  Wahrscheinlichkeit,  sich  und  ihre  Nachkommenschaft  erhalten  zu
können,  sich  entscheidet;  so  darf  namentlich  auch  bei  Handarbeitern,  Tagelöhnern
  und  geringen  Handwerkern  die  Ertheilung  des  Trauscheines  in  der
Regel  weder  von  der  Bestellung  einer  Bürgschaft  für  den  Verarmungsfall
noch  von  der  Nachweisung  eines  gewissen  Geldvermögens  abhängig  gemacht
werden.  Vielmehr  wird  als  Regel  angenommen  werden  müssen,  dass  dergleichen
  Leute  des  Vermögens  sind,  sich  und  eine  künftige  Familie  zu  ernähren::


1)  wenn  sie  gehörig  arbeitsfähig  sind  ;

2)  wenn  das  Gewerbe  wovon  sie  sich  und  eine  E  amilie  erhalten  wollen,

an  dem  Orte  ihrer  Niederlassung  nicht  schon  zu  sehr  überfüllt  ist;

3)  wenn  sie  bisher  eine  sparsame  Lebensweise  geführt  haben;

4)  wenn  sie  mit  demjenigen,  was  zur  ersten  häuslichen  Einrichtung
ihres  Standes  und  was  zur  Betreibung  ihres  Gewerbes  gehört,  verschen
  sind,  und

5)  wenn  sie  eine  Wohnung  gefunden  haben.

Indem  wir  diese  Grundsätze  den  Obrigkeiten  zur  Beachtung  vorzeichnen,
haben  wir  jedoch  nicht  unbemerkt  lassen  wollen,  dass  vorhandene  besondere
Umstände  ein  Abweichen  von  denselben  begründen  können,  und  dass  daher
in  jedem  einzelnen  Falle  noch  immer  Manches  dem  pflichtmässigen  Ermessen
der  Obrigkeit  überlassen  bleiben  muss.