568 Greßbritaunien. (August 30.)
zu dem Ende, sich unserer Neutralität zu vergewissern. Von diesen Vorschlägen
waren einige recht hinderlich; wir haben jedoch unserseits nichts
versucht, um sie auf diplomatischem Wege weniger hinderlich zu gestalten.
Sir Edward Grey hat sie schließlich allesamt abgewiesen. Deutschland
drängte so sehr auf eine örtliche Begren zung des Krieges, daß der deutsche
Botschafter selbst Sir Edward Grey ersuchte, seine eigenen Neutralitätsbedingungen
bekannt zu geben. Letzterer jedoch lehnte jede Erörterun
darüber ab. Diese Tatsachen sind weder durch Herrn Asquith noch durch
Sir Edward Grey zur Sprache gebracht worden. 7. Als Sir Edward Grey
einsah, daß der Friede zwischen Deutschland und Rußland nicht mehr zu
halten war, hat er es darauf angelegt, uns mit in den Krieg hineinzuziehen,
indem er Belgien als Vorwand benutzte. Damit ist die Richtung
des Weißbuches gegeben. Nun aber scheint ein Widerspruch in der Tatsache
zu liegen, daß Sir Edward Grey zuerst versucht hat, den europäischen
Frieden zu erhalten, und daß er später, als ihm das nicht geglückt war,
danach gestrebt hat, Großbritannien in den Krieg zu verwickeln. Der Widerspruch
ist nur scheinbar. Die Erklärung dafür liegt in unserer Auffassung,
daß schon seit acht Jahren Sir Edward Grey für den europäischen Frieden
als gefährlich und seine Politik als ein Unglück für unser Land gelten
mußte. Von zwei Arten der Politik kann Großbritannien in Europa nur
eine befolgen. Es kann sich im allgemeinen auf einen freundschaftlichen
Standpunkt gegenüber den andern europäischen Mächten stellen, im Notfall
mit jeder von ihnen insbesondere unterhandeln und in Angelegenheiten von
allgemeinem Interesse mit allen Nationen zusammenarbeiten. Die Grundlagen
für eine solche Politik sind großes Vertrauen, großer Mut, große
Geduld. Es gibt aber eine weit verlockendere Politie, die bequemer und
sicherer erscheint, in Wirklichkeit jedoch viel gefährlicher und auch schwerer
durchführbar ist. Es ist die Politik des Gleichgewichts der Mächte durch
Bündnisse. Dazu nehmen meist schwache und kurzsichtige Minister ihre
Zuflucht, denn es ist eine Politik des Instinkts, nicht aber des nüchternen
Verstandes.
Sie ist es gewesen, die auf dem Festland Mächtegruppierungen
hervorgerufen hat. Durch sie ist Europa in zwei große feindliche Lager
geteilt worden, Deutschland, Oesterreich und Italien auf der einen, Rußland,
Frankreich und wir auf der andern Seite. Die Folgen dieser Politik
sind Argwohn und Kriegsrüstungen. Ihr Ziel ist der Krieg und die Störung
des „Gleichgewichts“. Kommt der Krieg, dann ist er unvermeidlich
allgemein. Jede Macht hält sich an dem einen oder andern Tauende fest,
und gleitet eine von ihnen aus, so werden ihre Verbündeten mitgeschleppt.
Wir wissen aus praktischer Erfahrung, daß die schlimmste Art von Bundesgenossenschaft
die Entente ist. Ein Bündnis ist etwas deutlich Umschriebenes.
Jeder ist dabei von seiner Verantwortung durchdrungen. Die Entente, das
„Einvernehmen“, jedoch ist ein Völkerbetrug. Als Herr Asquith und Sir
Edward Grey immer und immer wieder im Unterhause die Versicherung
gaben, daß wir durch unser „Einvernehmen" keine Verpflichtungen auf uns
genommien hätten, da behaupteten sie etwas, das buchstäblich zwar eine
Wahrheit, in Wirklichkeit aber eine Lüge war. Hätten wir ein genau umschriebenes
Bündnis mit Frankreich und Rußland gehabt, dann wäre der
Unterschied der gewesen, daß wir und alle andern um uns gewußt hätten,
woran wir uns zu halten hätten und inwieweit uns die Hände gebunden
seien, und dann hätte sich höchstwahrscheinlich der Krieg abwenden lassen.
Italien durfte frei bleiben, weil sein Bündnis ihm nur geringe Verpflichtungen
auflegt. Wir dagegen sind in den Krieg gezerrt worden, weil wir
durch unser „Einvernehmen“ in eine Verwicklung gezogen wurden.