Volltext : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

124

D.  Der  Krieg  in  Borderasien
von  Dr.  Gaston  Bodart  in  Wien

I.  Die  Kämpfe  um  die  Vardanellen.

Mit  dem  Eintritt  der  Türkei  in  die  Reihe  der  kriegführenden
  Staaten  rückte  die  militärische  Bedeutung
der  Dardanellen  wieder  in  den  Vordergrund.  Diese
verwundbarste  Stelle  des  türk.  Reiches  wurde  bald  zu
einem  Operationsziel  der  elisch-französischen  Seestreitkräfte
  im  Mittelmeer.  Die  ersten
gen  beschränkten  sich  auf  mehrfache  Beschießungen
(3.  Nov.  1914  u.  19.  Febr.  1915)  der  äußeren  Forts
(Cephalla,  Kum-Kalé,  Sed-ül-Bahr)  durch
8  Panzerschiffe  älteren  Typs  auf  18  km  Entfernung,
wobei  die  Verbündeten  diese  Befestigungen  so  weit
niederkämpften,  daß  ein  Einfahren  in  die  äußere
Meerenge,  allerdings  beschränkt  durch  treibende  und
feste  Minen,  möglich  wurde.  Ju  weiteren  Eriolgen
reichten  die  vorhandenen  Mittel  nicht  aus,  so  daß  das
Flottenkommando  (engl.  Bizeadmiral  Carden,  frang
Konteradmiral  Guêpratte)  es  für  zweckmäßiger  hielten,
  sich  auf  den  Inseln  Lemnos  und  Tenedos  eine
Flottenbasis  zu  schaffen  und  den  Hauptangriff  bzw.
die  Forcierung  der  Meerenge  mit  weit  stärkeren  Kräften
  durchzuführen.

Dieser  erfolgte  am  18.  März  1915,  nachdem  von
der  festen  Minensperre  beseitigt  worden,  was  erreichbar
war,  burch  16Schlachtschiffe  (12  engl.,  4  franz.;  darunter
  jedoch  nur  2  modernen  Typs)  und  einer  entsprechenden
  Unzaht  von  kleineren  Kreuzern,  Torpedofahrzeugen
  und  Unterseebooten.  Im  ganzen  waren
38  engl..  20  franz.  Schiffseinheiten  unter  Führung
des  neuen  Oberbefehlshabers,  des  engl.  Bizeadmirals
de  Robeck,  beteiligt.  Auf  türk.  Seite  war  die  Gefechtspause
  zur  fortifikatorischen  Verstärkung  gut  ausgenutzt
worden.  Deutsche  Ingenieure  hatten  die  bestehenden
Befestigungen  modernisiert,  die  angerichteten  Schäden
  ausgebessert,  neue  Ergänzungswerke  gebaut.
Oberster  Leiter  der  Dardanellenverteidigungwar  Feldmarschall
  v.  d.  Goltz;  an  den  Meerengen  selbst  befehligten
  der  deutsche  Admiral  v.  Usedom  und  Dschewad
  Pascha,  das  Geschwader  der  deutsche  Konteradmiral
  Souchon;  deutsche  Marine=  u.  Fußartillerieabteilungen
  bedienten  die  Geschütze,  von  denen  die
modernen  Typen  der  schweren  deutschen  Fuß=  und
Schiffsartillerie  angehörten.  Der  Kampf  dauerte  fast
den  ganzen  Tag  und  führte,  wenn  auch  einzelne  türkische
  Werke  vorübergehend  zum  Schweigen  gebracht
wurden,  zu  einem  vollen  Erfolge  der  Verteidigung.
Drei  Schlachtschiffe  von  12—15000  t,  darunter  ein
französisches,  wurden  das  Opfer  der  Treibminen,
mehrere  andere  durch  Artilleriefeuer  so  schwer  beschädigt,
  daß  sie  aus  der  Kampffone  ausscheiden  mußten.
  Die  verabredete  gleichzeitige  Aktion  der  russ.
Schwarz-Meer-Flotte  gegen  den  Bosporus  unterblieb
  aus  Mangel  an  Wagemut  des  russ.  Kommandanten.
  Die  Schlappe  der  Verbündeten  hatte  die  überlegenheit
  der  Landbefestigungen  gegenüber  der  schwimmenden
  Schiffsartillerie  auch  der  größten  Kaliber
deutlich  erwiesen,  so  daß  die  schon  im  Vorbereitungsstadium
  befindliche  Mitwirkung  eines  Landungskorps
von  den  Alliierten  endgültig  beschlossen  wurde.

Die  aus  den  Dominions  Indien,  Australien  und
Neuseeland  in  Agypten  angelangten,  ursprünglich  für
die  französische  Front  bestimmten  britischen  Truppenkontingente
  wurden  daselbst  angehalten,  neue  Ein-1

  UGagl.  die  Karte  Bd.  I#.  S.  132.

nternehmun-  8

I.  Kriegsgeschichte

heiten  aus  dem  Mutterland  eiligst  dorthin  verschifft,
2  franz.  Divisionen  unter  General  d'Amade  (später
Gouraud,  nach  dessen  Verwundung  unter  Bailloud)
im  April  in  der  Mudrosbai  auf  Lemnos  mit  den
brit.  Truppen  vereinigt.  Den  Oberbefehl  über  das
ganze  Expeditionskorps,  Landungstruppen  und  Marine,
  führte  der  Kommandant  der  brit.  Streitkräfte
im  Mittelmeer,  General  Sir  Jan  Hamilton.  Die
Effektivstärke  der  Landungstruppen  betrug  bei  Beinn
  der  Operationen  Ende  April  60000  Mann,  ohne
die  Schiffsbesatzungen;  im  August,  dem  Kulminationspunkt
  des  Angriffs,  hatte  die  Gesamtzahl  der  auseschifften

  Truppen  200000  erreicht.  Da  die  Schiffskefagungen
  mit  mindestens  20000  Mann  angenomtmen
  werden  können,  so  dürften  an  der  Expedition

egen  220000  Mann,  darunter  70000  Mann  Ko-Fostnttruppen.
  teilgenommen  haben.  Die  türk.  Streitkräfte
  (5.  Armee)  unter  dem  deutschen  General  Liman
v.  Sanders  umfaßten  bei  Beginn  4  Armeekorps  (2.,
3.,  4.,  7.)  zu  je  3  Div.  und  5  Kav.-Brigaden;  hierzu
stießen  späterhin  das  1.  Korps  (83  Div.)  von  der  Kaukasusfront,
  2  Div.  des  8.  Korps  und  etwa  10  Reservedivisionen,
  so  daß  für  die  Abwehr  ungefähr
300000  Mann  eingesetzt  worden  sind.

Die  Landung  begann  am  25.  April  vor  Sonnenaufgang.
  Vor  Beginn  wurde  zur  Täuschung  des
Gegners  über  die  Hauptlandungsstelle  das  ganze
Küstengebiet  von  Gallipoli  und  den  Dardanellen
von  verschiedenen  Geschwadern  ciner  intensiven  Be.
arbeitung  durch  die  schwere  Schiffsartillerie  unterzogen,
  die  Landunz  selbst  an  nicht  weniger  als  sieben
verschiedenen  Punkten  gleichzeitig  ins  Werk  gesetzt,
so  bei  Jenikiötl  nahe  der  Landenge  von  Bulair,  in
der  Suvlabucht  und  südlich  davon  bei  Gaba
Tepe.  von  wo  aus  der  kürzeste  Weg  zur  Kehlseite  der
europäischen  Befestigungen  der  Chanak-  Enge  führt,
ferner  an  der  Südwestspitze  der  Halbinsel  bei  Kap
Tekke,  Kap  Helles  und  in  der  Mortobai  unmittelbar
  östlich  von  Sed-ül-Bahr;  die  franz.  Truppen
Engen  an  der  asiatischen  Küste,  bei  LKum-Kalé,  an

nd  und  griffen  zunächst  in  südlicher  Richtung  gegen
Jenischer  aus,  hatten  dort  heftige  türkische  Gegenangriffe
  abzuweisen  und  wurden,  da  der  Zweck  der
Demonstration  erreicht  war,  bald  an  das  europäische
Ufer  Übergeschifft,  wo  sie  bis  zum  Schluß  den  äußersten
  rechten  Flügel  bildeten.  War  die  Landung  dank

en  guten  Vorbereitungen  sowie  dem  kräftigen  Ein.
wirken  und  Zusammenarbeiten  der  Flotte  im  großen
und  ganzen,  wenn  auch  unter  starken  Verlusten,  geglückt,
  so  war  dies  mit  dem  öberralschungemoment
nicht  in  gleichem  Maße  der  Fall.  Bei  Gaba  Tepe
hatten  die  australischen  und  neuseeländischen  Truppen
anfänglich  einen  sehr  harten  Stand,  weil  die  Türken
dort  überlegene  Kräfte  gegen  sie  vorführten,  ebenso
ging  es  den  engl.  Divisionen  in  der  Mortobai.

iese  kamen  erst  vorwärts,  nachdem  vom  Kap  Tekke
her  flankierend  gewirkt  werden  konnte.  Die  schwierigen
  Landungsoperationen  waren  am  29.  Aprilk  abeschlossen;
  von  den  Landungsstellen  wurden  Jeniiöi,
  Suvlabucht  und  Kum-Kalé  aufgegeben.

Nach  dem  ersten  Festsetzen  auf  der  Halbinsel  find
die  Verbündeten  nur  äußerst  langsam  vorwärts  gekommen;
  sie  hatten  dem  an  Zahl  überlegenen,  seiner
Basis  so  nahen,  von  ihnen  unterschätzten  Gegner  viel
tuvie  Zeit  gelassen,  seine  Stellungen  zu  organisieren.
Es  entwickelte  sich  an  den  Brennpunkten  des  Kampfes,
Krithia  und  Sari  Bair,  ein  Stellungskrieg,  der
dem  an  der  Westfront  in  nichts  nachstand  und  un-