1. Der Verlauf des Krieges 7
die nahe, mit Dünkirchen beginnende Reihe französischer Häfen, unterstützt
durch das von vielen Kanälen durchschnittene vielfach überschwemmte Ge-
lände, dem Vordringen der Deutschen entgegen, die sich durch Abgaben zur
Verteidigung der flandrischen Küste gegen englische Angriffe zur See und
Landungsversuche schwächen mußten. Bald bildete sich im Uferkanal eine
Grenze mit den hart umstrittenen Punkten Nieuport, Dixmuyden und
Ypern. Östlich um Ypern herum wurde der Anschluß an Lille erreicht, das
seinerzeit von den Franzosen geräumt, von den Deutschen in neuzeitlicher
Weise verteidigungsfähig gemacht wurde.
Die in Flandern und Frankreich bis Ende Oktober 1914 geschaffene
Lage besteht im wesentlichen trotz wiederholter Versuche, eine Entscheidung
herbeizuführen, noch fort.
C. Das Eindringen der Russen in Ostpreußen und die
Befreiung der Provinz.
Die der schwachen Streitmacht in Ostpreußen (4 Armeekorps, 1 Kaval-
leriedivision, Landwehr und Landsturm) gestellte Aufgabe war um so schwie-
riger, als ein zusammenhängendes Grenzbefestigungssvstem fehlte. Die Kette
der masurischen Seen bildeten keinen völligen Ersatz, obwohl man sich beeilte,
wenigstens flüchtige Befestigungen herzustellen. Der Schutz der Provinz
Posen blieb Besatzungstruppen überlassen, in Schlesien befand sich ein Land-
wehrkorps. Die ersten Angriffe russischer Kavallerie und Grenzwache wurden
glänzend abgeschlagen, und die vorhandenen Kräfte hätten auch noch geraume
Zeit zur Verteidigung Ostpreußens ausgereicht, wenn die Russen nicht lange
Zeit vor der Kriegserklärung heimlich ihre Mobilmachung begonnen hätten
und infolgedessen früher fertig gewesen wären, als man annehmen durfte.
Trotzdem wurde der in der zweiten Hälfte des August in weit überlegener
Stärke gegen Insterburg vorrückenden Njemen- oder Wilna-Armee des Ge-
nerals v. Rennenkampf anfangs erfolgreicher Widerstand geleistet, der erst
aufgegeben wurde, als das Eindringen der Narew-Armee von Süden her
die Lage unhaltbar machte. Der Entschluß zum Rückzuge hinter die stark
befestigte Linie der Nogat und Weichsel war rein theoretisch-militärisch
gewiß richtig; im eignen Lande aber kann man nicht ohne schwerste auch
auf die Kriegführung zurückwirkende Schädigung eine ganze Provinz
preisgeben, am wenigsten gegenüber einem barbarischen Feinde. Der
oberste Leiter des Heeres, des Kaisers Majestät, fand den richtigen Ausweg.
Generaloberst v. Hindenburg (später Generalfeldmarschall) wurde
der Oberbefehl übertragen, und im Westen wurden trotz der erhöhten An-
forderungen der dortigen Lage Truppen für den Osten verfügbar gemacht.
Eine so großartige Truppenverschiebung mit der Eisenbahn während der
Heeresbewegungen war bisher unerhört, sowohl was die Menge der Truppen
als die Entfernung betrifft — 1870/71 hatte nur eine einzige deutsche Division
innerhalb Frankreichs mit der Bahn den Kriegsschauplatz gewechselt. Auch
dies war ein Beleg für das wunderbare Zusammenarbeiten des General-