IV. Kriegswirtschaft 161
nach Lage der Verhältnisse meist nur sehr gering sein kann, so ist in Rechnung
zu ziehen, daß die dafür angelegten höheren Preise sich nicht auf diese Mehr-
einfuhr beschränken, sondern in kürzester Frist die Gesamtvorräte der frag-
lichen Waren ergreifen; und es ist sehr die Frage, ob es richtiger ist, eine
Warengattung, die der Bevölkerung zu erträglichen Preisen zugeführt werden
kann, um einige Prozent zu vermehren und dafür eine allgemeine, zumeist
unverhältnismäßige Preissteigerung in dieser Ware in Kauf zu nehmen.
Kann hiernach die Rücksicht auf den Handelsstand zu einem Verzichte
auf die mit unserer Kriegswirtschaft verbundenen amtlichen Eingriffe in
die Freiheit des Verkehrs nicht führen, so noch viel weniger der viel-
fach gehegte Glaube, daß das freie Spiel der Kräfte, das sich in normalen
Zeiten als Grundlage der Güterverteilung vorzüglich bewährt, auch im
Kriege nicht versagen werde. Von den Verfechtern dieser Meinung wird
zwar eingeräumt, daß ein an keine Schranken gebundener Warenabsatz
zu außerordentlich hohen Preisen führen würde, indessen wird gerade in
dieser Preisentwicklung die Gewähr dafür erblickt, daß wir schließlich mit
unseren Vorräten auskommen würden, indem die dann zu erwartenden Preise
einerseits die Gütererzeugung mächtig anregen, andererseits den Verbrauch
so einschränken würden, daß er sich den jeweilig verfügbaren Vorräten an-
passen würde. Diese Einschränkung würde jedoch durchaus nicht allgemein
sein. Es gibt in unserem wirtschaftlich hoch entwickelten Lande so viele
vermögende Leute, die in der Lage sind, auch mit bedeutend erhöhten Kosten
ihre bisherige Lebenshaltung beizubehalten, daß der Einsparung von
Vorräten hierdurch schon wesentlich Eintrag getan werden würde. Der
armen Bevölkerung aber würden Opfer auferlegt werden, die zu tragen
sie außerstande wäre. Wollte man ihr, wie es auch vorgeschlagen ist, durch
öffentliche Unterstützung zu Hilfe kommen, so würde, sofern dies im aus-
reichenden Maße überhaupt geschehen könnte, die Einschränkung im Ver-
brauch eben nicht so weit gehen, daß der davon erwartete Erfolg, das Aus-
reichen mit den vorhandenen Vorräten, eintreten könnte. Welche Er-
bitterung aber bei solcher Gestaltung der Dinge wachgerufen werden würde,
ist gar nicht auszudenken, wenn den Produzenten und den im Besitze von
Vorräten befindlichen Händlern, denen die Kriegskonjunktur übermäßige
Gewinne in den Schoß würfe, den wohlhabenden Kreisen, die sich
jede Entbehrung fernhalten könnten, die Masse der Unbemittelten
gegenüberstände, die ihrer Not, wenn überhaupt, so nur durch öffentliche
Unterstützung Herr werden könnten. Es ist keineswegs Neid, was solche
Erbitterung hervorrufen würde, sondern das berechtigte Empfinden, daß
es dem gemeinsamen Ringen, den unerhörten Anforderungen, die der
Krieg an das ganze Volk stellt, entspricht, wenn auch an den Entbehrungen,
die diese schwere Zeit fordert, ein jeder sein Maß auf sich nehmen soll. Das
ist der sittliche Kern unserer Kriegswirtschaft, daß sie keinen Unterschied
macht zwischen hoch und niedrig, zwischen arm und reich, sondern jeden
gleiche Einschränkungen zumutet, und dadurch den Bemittelten, der an
besseres Leben gewohnt ist, oft härter trifft als den, dem auch in Friedens-
zeiten Darben und Entbehrung nicht unbekannt ist.
Staatsbürgerl. Belehrungen in der Kriegszeit. II. Band. 11