50 Dr. Otto Hoetzsch
der Balkanbund geschlossen worden, der unter sich bereits die Europäische
Türkei für den Fall, daß es zum Kriege käme, verteilte. Die Verträge
und die Karten dieser Verteilung, die sich in erster Linie um Mazedonien
drehten, sind bekannt, besonders durch die Werke und Artikel des Führers
der russischen Kadetten, des Dumaabgeordneten Miljukow.
3. Das weitere braucht hier nicht erzählt zu werden: wie dieser Balkan-
bund in den Krieg gegen die Türkei eintrat, wie in ihm vor allem die
Bulgaren, demnächst die Griechen große Erfolge erzielten, wie die drei
Verbündeten, Bulgarien, Serbien und Griechenland, über die Verteilung
der Beute uneins wurden, und wie dann das Eintreten des am Kriege
nicht beteiligten Rumänien den Frieden von Bukarest am 10. August 1913
erzwang. Rumänien war ja nicht bei dem Balkanbunde und seiner Ver-
teilung der Türkei beteiligt gewesen, sondern es wartete den Moment ab,
in dem es eingreifen konnte, um ohne eigene Opfer für sich etwas zu erreichen.
Die Politik des Zaren Ferdinand hat damals einen vollständigen Zusammen-
bruch erlitten. Schuld daran war das Vertrauen, das von seinem Minister-
präsidenten Danew genährt wurde, daß Rußland Bulgarien nicht verlassen
würde. Sonst wäre es ganz unbegreiflich gewesen, wenn ein durch
den bisherigen Krieg schon erschöpfter Staat es auf diese Lage ankommen
lassen konnte, in der Front die Serben und Griechen und im Rücken die
Rumänen und Türken zu haben. Tatsächlich wurde die Lage so, und es
ist auch heute nicht zu verstehen, wie Danew allen Ernstes daran denken
konnte, Rußland werde Bulgarien stützen, da Rußland schon längst auf
der Balkanhalbinsel seine Karte auf Serbien gesetzt hatte, weil es von dort
aus Österreich-Ungarn viel leichter bedrohen konnte und weil die Serben
ihm bessere Vasallen zu sein schienen als die Bulgaren. So war es der
russischen Politik gar nicht zweifelhaft, daß sie die Bulgaren fallen lassen
wollte, um so mehr als sie im anderen Falle auch das unmittelbar vor der
russischen Grenze liegende Rumänien zum Gegner gehabt hätte. In Bul-
garien hat das natürlich auf das tiefste gewirkt und die Sympathie für Ruß-
land, die sogenannte russophile Stimmung, auf das stärkste herunter-
gedrückt. Aber was war zu tun? Der Friede von Bukarest beraubte Bul-
garien eines großen Teils der Beute, wenn er ihm auch eine Erweiterung
des Gebiets nach Süden und dazu den Hafen von Dedeagatsch brachte.
c) Bulgarien im Weltkrieg.
1. Aus tausend Wunden blutend und schwer geschädigt in seiner Volks-
kraft, enttäuscht über die geringen Erfolge, so stand Bulgarien da, als der
Weltkrieg ausbrach. Es war gar nicht in der Lage, sofort in ihn einzutreten.
Was es in einer solchen Verwicklung anstreben mußte, war ihm klar: die
Rückgewinnung der ihm im Bukarester Frieden entrissenen bulgarischen
Teile Mazedoniens. Damit stand es auf der Serbien entgegengesetzten
Seite. Andererseits hatte es auch Wünsche an die Türkei, und ferner hatte
es im Frieden von Bukarest ein Stück südlich der Donau, die sogenannte
bulgarische Dobrudscha, abtreten müssen. Monatelang kämpften die poli-
tischen Richtungen in Sofia um die Entscheidung. Die einen, in der Haupt-