68 Dr. Paul Rohrbach
und die eignen Staatseinkünfte zu erhöhen. Im Gleichgewichte der Aus-
gaben und Einnahmen — von den Ausgaben entfiel ein unverhältnismäßig
großer Teil auf das Kriegswesen und sehr wenig auf kulturelle Zwecke —
blieben die russischen Finanzen nach wie vor mangelhaft, aber die Zahlen des
Staatshaushalts wuchsen ins Kolossale, namentlich als die großen Staats-
betriebe, das Branntweinmonopol, der Staatsbahnbetrieb usw. aufkamen.
Wir haben diese Entwicklung Rußlands nach der Mitte des 19. und
zu Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Zuge gezeichnet, weil sie in un-
unterbrochener Folge vor sich gegangen ist. Es versteht sich von selbst, daß
auch die militärische Kraft des russischen Staates vor allen Dingen dadurch
gewaltig wuchs, daß es möglich wurde, infolge der Bahnbauten die Massen
besser und schneller zu lenken als früher, und daß die volle Eröffnung des
europäischen Geldmarktes für Rußland reichliche Barmittel für die Regierung
und die Ausrüstung der Armee zur Verfügung stellte, sei es auch auf dem
Wege der Anleihen. Dazu kam das starke Wachstum der Bevölkerung. Ruß-
land hat vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1870 ungefähr von
50 Millionen auf 80 Millionen zugenommen. Von 1870 bis zur Zählung von
1897 stieg die Volkszahl auf 127 Millionen, jährlich also im Durchschnitt um
1¾ Millionen, und von 1898 bis 1914 bis auf schätzungsweise 175 Millionen,
wodurch 3 Millionen im Jahre erreicht wurden. Welch eine Änderung hier-
durch in dem politisch-militärischen Gewichte der russischen Macht zugunsten
Rußlands und zuungunsten Deutschlands eintreten mußte, wenn das reißende
Millionenwachstum zugleich durch einen bedingungslos zur Verfügung ge-
stellten Kredit für Rüstungszwecke finanziert wurde, liegt auf der Hand.
b) Für das politische Verständnis müssen wir zurückgreifen bis auf einen
Zeitpunkt, wo das wirtschaftliche und militärisch-politische Wachstum Ruß-
lands, das mit dem Beginne der Reformzeit unter Alexander II. eingesetzt
hatte, noch ziemlich in seinen Anfängen war. Die Regierung Alexanders II.
ist vor allen Dingen bezeichnet durch den Türkenkrieg von 1877/78. Dieser
Krieg hat eine sehr eigentümliche Vorgeschichte, über die wir am besten in
Bismarcks Gedanken und Erinnerungen, Kap. 28, unterrichtet werden.
Bismarck erzählt, er habe im Herbst 1876 ein Telegramm des deutschen
Militärbevollmächtigten am russischen Hof erhalten, durch das dieser im Auf-
trage des Kaisers Alexander II. anfragte, ob Deutschland neutralbleiben
werde, wenn Rußland mit Österreich in Krieg geriete. Bismarck ver-
suchte zunächst, der für die deutsche Politik peinlichen Frage auszuweichen,
wurde aber durch die hartnäckig wiederholten russischen Anfragen schließlich
zur Antwort gezwungen. Er kennzeichnet diese Antwort im Sinne Deutsch-
lands so: Unser erstes Bedürfnis sei, die Freundschaft zwischen den großen
Monarchien zu erhalten; wenn aber das zu unserm Schmerze zwischen
Rußland und Österreich nicht möglich sei, so könnten wir zwar ertragen, daß
unsere Freunde gegeneinander Schlachten verlören oder gewönnen, aber nicht,
daß einer von beiden so schwer verwundet und geschädigt werde, daß seine
Stellung als unabhängige und in Europa mitredende Großmacht gefährdet
würde. Dieses Bekenntnis, sagt Bismarck weiter, hatte zur Folge, „daß das
russische Gewitter von Ostgalizien sich nach dem Balkan hin verzog“.