Full text : Das Buch von unsern Kolonien.

—  128  —

unseren  westlichen  Schutzgebieten.  Antilopen  aller  Art,  Giraffen,  Gnus,
Zebras,  Büffel  und  das  Nashorn  bevölkern  die  weiten  Steppen,  das
Nilpferd  die  Schilfgründe.  Der  Elefant,  der  sonst  die  Höhen  des
Kilimandscharo  bevorzugte,  ist  infolge  der  unablässigen  Nachstellungen  der
Elfenbeinjäger  schon  ein  seltener  Gast  geworden.  Das  mag  den  Pflanzern
für  ihre  Plantagen  sehr  erwünscht  sein,  war  aber  auch  ein  Hauptanlaß,
daß  der  Gouverneur  Hermann  v.  Wissmann  energisch  für  Schutzmaßregeln
  gegen  die  Ausrottung  des  jagdbaren  Wildes  eintrat.  An  Raubtieren
  finden  sich  Leopard  und  Hyäne  weit  verbreitet,  der  Löwe  mehr
vereinzelt  in  den  wüstesten  Regionen  der  trockenen  Massailänder.  Neuerdings
  jedoch  stimmt  die  „Deutsch-Ostafrikanische  Zeitung“  wieder  ein
Klagelied  an,  welches  beweist,  daß  in  der  Gegend  von  Daressalam  die
Zahl  der  Löwen,  die  sich  in  die  Nähe  der  menschlichen  Behausungen
wagen  und  auf  Menschen  jagen,  noch  immer  sehr  groß  ist.  Mit  Vorliebe
wählt  sich  der  Löwe  bei  seinen  Einbrüchen  mangelhaft  gebaute  und  schlecht
erhaltene  Hütten  der  Eingeborenen.  So  brach  ein  Löwe  in  eine  Hütte
bei  Kurasini  gegen  Mitternacht  ein  und  schleppte  einen  Suahelineger  in
den  nahen  dichten  Busch  mit  sich  fort.  Der  Verunglückte  muß  sich  verzweifelt
  gewehrt  und  furchtbare  Schmerzen  auszuhalten  gehabt  haben,
denn  fast  zehn  Minuten  lang  wurde  sein  lautes  Geschrei  in  den  jetzt  nur
noch  von  wenigen  Leuten  bewohnten  Arbeiterhäusern  der  Pflanzung
Temeke  gehört.  In  einem  anderen  Falle  hatte  ein  Inder  zwei  Stück
Vieh  in  eine  hohe  Dornumzäunung  gestellt.  In  der  Nacht  übersprang  ein
ungewöhnlich  starker  Löwe  die  Boma,  schlug  einen  Ochsen  und  drückte  mit
diesem,  da  er  auf  demselben  Wege  mit  seiner  Beute  nicht  wieder  zurückkonnte,
die  Dornhecke  von  innen  nach  außen  auseinander,  den  Ochsen  dabei
mit  großer  Kraft  gleichsam  als  Mauerbrecher  benutzend.  In  der  Nähe
der  Boma,  im  Busch,  fraß  er  die  Eingeweide  und  die  Weichteile  des
Tieres  auf,  den  übrigen  Körper  ließ  er  liegen.  Am  nächsten  Abend
lauerten  der  Fährenpächter  Sabatte,  ein  anderer  gerade  die  Fähre  benutzender
  Europäer  und  der  Inder  dem  Räuber  auf,  aber  dieser  kehrte
nicht  zu  seiner  Beute  zurück.  Da  das  Schußfeld  durch  Busch  stark  behindert
  war,  so  vergiftete  man  am  Tage  darauf  den  Kadaver  und  setzte
die  Eingeborenen  davon  in  Kenntnis.  Am  Morgen  des  dritten  Tages
fand  man  den  einen  Schenkel  des  toten  Ochsen  abgefressen  und  daneben
den  Leichnam  eines  großen  männlichen  Löwen  mit  starker  Mähne,  die
bei  den  Küstenlöwen  sonst  nur  wenig  entwickelt  ist.