138 Hamburg. „Prachtbericht.“ Der Friede. Günstige Stellung Napoleons.
150. Schreiben vom 16. April 1856 an König Friedrich Wil=
helm IV. betr. die Entsendung eines Bundeskommissars nach Hamburg zur
Regulierung der dortigen Verfassungsangelegenheiten. Haltung Österreichs in
dieser Frage. Beeinflussung des Wiener Kabinetts durch den politischen Ka=
tholizismus. Die Bestrebungen des letzteren in evangelischen Ländern. Be=
sorgnisse der kleinen und Mittelstaaten. — Vgl. Poschinger, Neue Berichte
S. 238 ff.
151. Privatschreiben vom 17. April 1856 an den Wirkl. Geh.
Legationsrat Balan, betr. die Hamburger Sache und Gerüchte über
ein bevorstehendes Revirement. — Vgl. Bismarckjahrbuch VI S. 82 f.
152. Privatschreiben an Minister v. Manteuffel.
[Eigenhändige Ausfertigung.]
26. April 1856.¹)
E. E. kann ich zwar seit der Zeit, wo ich die Ehre hatte, Sie hier zu sehn,²) nichts
Neues von hier berichten; doch ist das Alte und Bekannte wichtig genug, um mich auf
Ihre Nachsicht rechnen zu lassen, wenn ich es nochmals versuche, meine Ansichten über unsre
politische Lage zusammenhängender zu formuliren, als ich bei mündlicher Besprechung dazu
im Stande war.
Ohne mich in gewagte Conjecturen über die muthmaßliche Dauer des neuen Friedens
einzulassen, darf ich doch als ein Symptom des geringen Vertrauens zu derselben das be=
sorgliche Unbehagen hervorheben, mit welchem die meisten europäischen Cabinete in die
Zukunft blicken, auch nachdem der Friede gesichert ist. Alle, die großen, wie die kleinen,
suchen sich einstweilen, in Erwartung der Dinge, welche kommen können, die Freundschaft
Frankreichs zu erwerben oder zu erhalten, und der Kaiser Napoleon, so neu und so schmal
anscheinend auch die Grundlagen seiner Dynastie in Frankreich selbst sind, hat die Wahl
unter den zu seiner Disposition stehenden Bündnissen. Es scheint nicht, daß die auffälligen
Bemühungen Orloff's den Apfel schon vom Baum geschüttelt haben; aber wenn er reif
ist, fällt er von selbst, und die Russen werden zur rechten Zeit die Mütze darunter halten.
Auch den acte de soumission des Grafen Buol, das Streben Östreichs nach der Ehre,
der erste Rheinbundstaat zu sein, wenn nur Preußen dadurch der zweite oder dritte wird,
scheint der Kaiser N[apoleon] lediglich mit zurückhaltender Höflichkeit aufgenommen zu
haben; die offiziöse Wiener Presse giebt aber deshalb die Hoffnung auf eine katholische
Ligue mit Frankreich nicht auf und preist einstweilen den Voltairianer Kaunitz als den
ersten Staatsmann Östreichs, weil er es mit Frankreich hielt. Die deutschen Mittelstaaten
sind nach wie vor bereit, sich derjenigen der deutschen Großmächte zu fügen, welche die
meiste Aussicht auf Frankreichs Beistand hat, und den letztern direct zu suchen, wenn
die Umstände es räthlich erscheinen lassen. Nicht minder legt England Werth auf die Fort=
dauer der guten Beziehungen zu Frankreich, und die etwas mürrisch gewordne Ehe der
beiden Westmächte wird wohl so hastig nicht geschieden werden. Der Bruch zwischen ihnen
¹) Gedruckt außer bei Poschinger auch im Bismarckjahrbuch II 63 ff. (dort nach dem Konzept). Das
Schreiben ist unter dem Namen „Der Prachtbericht“ berühmt geworden.
²) Manteuffel war am 20. und 21. April auf der Rückreise von Paris, wo er an dem Friedenskongresse
teilgenommen hatte, in Frankfurt gewesen.