Die Oberfeldherrnfrage. Übler Eindruck der Depesche Buols vom 14. Januar. 11
tingente gestimmt. In betreff des Herrn von Dalwigk sagte mir der bayerische Gesandte,
daß er ihn gestern für die Ablehnung der österreichischen Anträge und für die Beschrän=
kung auf Bereithaltung disponiert gefunden habe, während er früher zur Annahme der
ersteren geneigt geschienen habe.
In der heutigen Sitzung habe ich die mir aufgetragene Vorlage verlesen, und ist die=
selbe den vereinigten Ausschüssen überwiesen worden. Herr v. Prokesch verlas eine kurze
Erwiderung, welche gemäßigt gehalten war. Er konstatierte durch dieselbe, daß das
Kaiserl. Kabinett die Anerbietungen Rußlands schon am 7. Dezember zur Kenntnis der
deutschen Regierungen gebracht und die letzteren seitdem von allen Vorgängen im Zu=
sammenhange benachrichtigt habe. Im übrigen sei der Anfang der Friedensverhandlungen
nicht mit deren Abschluß zu verwechseln und zur Sicherung des letzteren eine gemeinsame
Kraftentwickelung Deutschlands nach der Ansicht des Kaiserl. Kabinettes erforderlich. …
Der Großherzogl. badische Gesandte hat mir seine Instruktion heute mitgeteilt. Die=
selbe ist gegen Mobilmachung, für Bereithaltung, geht aber auf die Wahl des Oberfeld=
herrn mit Ausdrücken von bedenklicher Unbestimmtheit ein. Es scheint überhaupt, daß
viele Regierungen den darauf bezüglichen Teil der österreichischen Anträge, den ich gerade
für den wichtigsten und gefährlichsten halte, sehr leicht nehmen. Auch gestern in Darm=
stadt fand ich dies bestätigt, und gelang es mir durch Hervorhebung der Gefahren, welche
in der Machtvollkommenheit des Oberfeldherrn für die einzelnen Regierungen liegen, einen
unverkennbaren Eindruck auf Herrn von Dalwigk, namentlich aber auf S. K. H. den
Großherzog zu machen.
E. E. stelle ich g. anheim, gen. zu erwägen, ob es sich nicht empfehlen dürfte, die
diesseitigen diplomatischen Agenten in Deutschland in vertraulicher Weise mit Vor=
stellungen zu beauftragen, durch welche die Gefahren des nunmehr vorliegenden österreichi=
schen Antrages in ein helleres Licht gestellt werden.*
Bei meinen Kollegen habe ich insbesondere das Argument wirksam gefunden, daß
eine in diesem Augenblicke gegen Rußland zu richtende Demonstration die Anforderungen
der Westmächte steigern und also die Wahrscheinlichkeit der Verständigung vermindern
werde. Den übelsten Eindruck hat allerorten die geheime Depesche vom 14. c. gemacht.
Mir scheint deren Erlaß ein unzweifelhafter Mißgriff des Grafen Buol zu sein. Wenn
auch der Zweck vielleicht nur der gewesen ist, den Westmächten gegenüber den Eifer
Österreichs zu bekunden, die deutschen Fürsten einzuschüchtern und ihnen anzudeuten,
welche Zustände in Deutschland eine Ablehnung der österreichischen Anträge im Gefolge
haben würde, so ist letzteres zwar einigermaßen erreicht worden, überwiegend aber wirkt
das erregte Mißtrauen in die Bundestreue und Friedensliebe Österreichs dahin, daß
man von Preußen Schutz für seine Rechte und Erhaltung der Bundesverfassung hofft.
Österreich hat, wie mir eine hochgestellte Persönlichkeit sagte, den Pferdefuß gezeigt und
den Beweis geliefert, wie notwendig es sei, das Wiener Kabinett auf dem betretenen
Wege aufzuhalten, wie gefährlich, ihm zu folgen.
In betreff der Wahl des Oberfeldherrn habe ich mich gegen meine Kollegen vertrau=
lich dahin ausgesprochen, daß nach § 45 der Grundzüge der Bundeskriegsverfassung,
welche ein organisches Bundesgesetz bilden, diese Wahl erst dann stattfinden könne, wenn
die Aufstellung des Kriegsheeres beschlossen werde. Man kann verschiedener Ansicht
darüber sein, welches Stadium unter diesem Worte verstanden werden müsse; einige meiner
Kollegen nehmen an, daß zur Aufstellung des Kriegsheeres, ebenso wie zur Kriegs=