Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Die Oberfeldherrnfrage. 25 
Dalwigk vertraulich in Anregung bringen, daß ein Gr. Gesandter lediglich zum Zwecke 
der Wiederanknüpfung nach Berlin ginge und demnächst dort einen Geschäftsträger bis 
zum Eintreffen des Grafen Görtz zurückließe. Ich zweifle nicht, daß man in Darmstadt 
dieses Auskunftsmittel bereitwillig ergreifen würde, und stelle E. E. g. g. anheim, mich 
ev. zu vertraulicher Einleitung der erforderlichen Schritte zu autorisieren. Mit aus= 
gezeichnetster Hochachtung   … 
29. Vertraulicher Bericht an Minister v. Manteuffel. 
[Ausfertigung.] 
6. März 1855. 
E. E. geehrten vertraulichen Erlaß vom 4. d.¹)  nebst dem Bericht des Prinzen Ysenburg 
vom 2. habe ich gestern erhalten. Um von Herrn von Schrenck etwas Näheres über etwaige 
Verhandlungen zwischen München und Wien zu erfahren, habe ich gegen denselben die 
Besorgnis geäußert, daß einige Agenten Österreichs bemüht seien, Mißtrauen zwischen 
dem Münchener und unserem Kabinett zu erregen, indem sie sich das Ansehen gäben, als 
ob geheime und namentlich in Berlin unbekannte Separatverhandlungen zwischen Öster= 
reich und Bayern geführt würden. Herr von Schrenck hat mir darauf die Mitteilungen 
gezeigt, welche er von München über den Stand der Oberfeldherrnfrage erhalten hat. 
Dieselben schließen mit einem Erlaß des Ministers von der Pfordten vom 18. v. M., in 
welchem Herr von Schrenck benachrichtigt wird, daß man, wie in Berlin, so auch in Wien 
der Errichtung eines dreiteiligen Oberbefehls in dem Sinne, wie er von Bayern angeregt 
sei, nicht abgeneigt zu sein scheine. Herr von Schrenck erhielt infolgedessen den Auftrag, 
diesen Plan bei den Höfen von Kassel, Darmstadt und Wiesbaden, wo er beglaubigt ist, 
zu befürworten. Seine desfallsigen Bemühungen haben, wie er mir sagt, in Darmstadt 
und Wiesbaden Gehör gefunden. Er hält es für unmöglich, daß man inzwischen in 
München eine veränderte Basis für die Behandlung der Sache angenommen habe, da 
man ihn seine Verhandlungen, über deren Abschluß er noch nicht nach München berichtet 
habe, auf der früheren Grundlage fortsetzen lasse. *Die ablehnende Antwort von Kassel 
sei ihm erst vorgestern zugegangen und stütze sich in ihren Motiven auf die Notwendig= 
keit einer einheitlichen Leitung des Bundesheeres und auf die Überzeugung, daß Preußen 
und Österreich ihre Truppen einem gemeinsamen Oberbefehl nicht würden entziehen wollen. 
Jemand aus der nächsten Umgebung S. K. H. des Kurfürsten sagt mir, daß die Weigerung 
der kf. Regierung vorzugsweise aus der Besorgnis hervorgegangen sei, daß ein bayeri= 
scher Feldherr sich entweder von dem dominierenden Einfluß eines der beiden Großstaaten 
nicht werde freihalten können, oder daß Bayern in einer mächtigen Stellung zwischen 
Preußen und Österreich eine bedenkliche Rolle werde spielen wollen.* 
Die neueste Nachricht, welche Herr von Schrenck in der fraglichen Angelegenheit 
hatte, war ihm durch Herrn von Protkesch mitgeteilt worden; nach dieser liege es gegen= 
wärtig in der Absicht Österreichs, auf ein dreiteiliges Kommando in dem Sinne einzugehen, 
daß gewissermaßen das Kollegium der drei Kommandierenden die einheitliche Spitze der 
gesamten Bundesarmee bilde, und daß der österreichische Kommandierende das Prä= 
sidium dieses Kollegiums führen solle. Über die Ausdehnung der Attribute, mit welchen 
ein solches Präsidium gedacht werde, und über die Aufnahme dieses Planes in München 
¹) Inhalt vgl. Poschinger II S. 186 Anm. 2.