Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6a. (6a)

478 Auch in London bringt Bismarck Sfterreichs aufreijende Politlk zur Sprache. 
Wirkung derselben auf die Meinung über Frankreich hinweisen und die Srage stellen, ob 
die französische Regierung nicht glaubt, zur Herabstimmung der Aufgeregtheit der öster- 
reichischen Politik etwas beitragen zu können, und ob sie disponiert sei, dies zu tun. Wir 
werden uns in analogem Sinne nach London bin aussprechen: und wahrscheinlich wird von 
russischer Seite Abnliches geschehen. Letzteren Punkt wollen Sie mit Stillschweigen über- 
gehen und alles vermeiden, was wie gemeinschaftliche Cinwirkung Preußens und Auß- 
lands aussehen könnte, mit Graf Stackelberg aber die Sache besprechen, ihm Mitteilung 
von Ihren Versuchen machen und denselben um das gleiche Bertrauen bitten. 
* 12485. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.)] 
Vertraulich. Berlin, den 19. Dezember 1868. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage Abschrift einer Depesche, welche ich unter beu- 
tigem Datum an den Königlichen Seschäftsträger in Paris gerichtet habe:, um auf die 
Gefahren binzuweisen, welche für den Grieden Curopas in der unruhigen und aufreizenden 
Politik des gegenwärtigen Leiters des österreichischen Kabinetts liegen. Wir balten es 
für unsere Pflicht, auch die Königlich Großbritannische Regierung auf diese Gefahren in 
äbhnlicher Weise aufmerksam m machen; und ich ersuche Ew. pp. daber ergebenst, diese 
Depesche ihrem wesentlichen Inhalt nach auch als an Sie selbst gerichtet anzusehen. 
Ew. pp. wollen zunächst gesprächsweise auf den gefährlichen Charakter der öster- 
reichischen Politik hinweisen, wozu die neuesten Ereignisse und der Inhalt des öster- 
reichischen Rotbuches öhnen hinreichend Veranlassung bieten, und dabei die feste Über- 
leugung ausfsprechen, daß das englische Kabinett eine so ungeschickte und leichtfertige Be- 
handlung von Interessen, welche das öffentliche Vertrauen und schließlich den Bestand des 
Eriedens berühren, sobald es nur ihren wahren Charakter kenne, unmöglich billigen könne. 
Einen auffallenden und traurigen Beweis von der Wirkung, welche diese Dolitik her- 
vorzubringen imstande ist, gibt die augenblickliche Krifis in Konstantinopel. Es ist an und 
für sich nicht wahrscheinlich, daß die Pforte zu einem so gewaltsamen, ihre eigenen Sn 
teressen und den europäischen Frieden gleich kompromittierenden Entschluß nach so langem 
Zaudern und im Augenblicke des gänzlichen Erlöschens des Aufstandes in Kreta nur durch 
eigene Leidenschaft und ohne alle fremde Einwirkung gekommen sein sollte. Alle unsere, 
von den verschiedensten Seiten bestätigten Machrichten geben uns außerdem die Gewißheit, 
dab der Kaifjerlich Österreichische Internuntius= seine Hauptaufgabe darin sieht, durch 
Hetzereien bei der Pforte sowohl wie unter den Vertretern der europäischen Mächte eine 
Leidenschaftlichkeit und eine gegenseitige Verstimmung bervorzurufen, welche die Verhält- 
nisse gerade an Ort und Stelle so verbittert, daß die Bemühungen der Kabinette m 
einer Ausgleichung und Verföhnung durch die zum großen Teil auf jene Hetzereien be- 
ruhenden Verhältnisse unter ibren Organen paralpsiert werden. Der franzölische Bot- 
schafter Herr Bourée scheint den von seinem österreichischen Kollegen ausgehenden Ein— 
flüssen nur allzu zugänglich zu sein. Wenn es daher jetzt nicht mehr der Weisheit der 
2 Siehe das folgende Schriftstiick. 
1245. * S#n 
2 Vgl. Ar. 1½5 Anm. 1.