Gortschakows unpraktisches Orientprogramm. 483
nehmen wollte. Catlschlich schlug Gortschakomw in zwei an den Dotschafter Baron Brunnow
in London gerichteten Erlassen vom I7. und 19. Dejember (liehe deren Cext in: Dos Staats-
archio, XVI, 313 a9 in jehr vieldeutigen Werdunge die Herstellung einer Entente unter den
Gromöchten vor, die mittels „solutions Cconformes à Phumanitk. au progres, à la civilisation“
die Jukunft des Orients und den allgemeinen Srieden sichern 8 it nächstes Siel forderte
Gortschakom eine diplomatische Sntervention der Großhmächte „afin d’arréter la Porte dans la
voie on elle est entrée et d’empscher le developpement dlune çgrise qui menace la
palx générale“. Es war leicht vorberjusehen, r* auf einer solchen Basis ein einheikliches
Vorgehen der Mchie keinenfolls zu erreichen stand.
Vertraulich. Berlin, den 26. Dejember 1868.
Baron Oubril hat mir, wie Ew. pp. mir bereits in Aussicht gestellt batten, die
Depeschen mitgeteilt, welche der Fürst Reichskanzler unter dem §./I7. und 7./19. d. M.
an den Kaiserlichen Gesandten in London gerichtet hat, um sowohl die gegenwärtige Lage
und die augenblicklich im Orient entstandene brennende Frage als den Weg zu kennzeichnen,
auf welchem eine bedenkliche Politik schrittweise bis zu dieser den Srieden Europas be-
drohenden Krife geführt hat. Sch kann nicht zweifeln, daß Ew. pp. beide Depeschen durch
die Güte des Sürsten Gortschakow bereits bekannt seien.
Dem Baron Oubril habe ich bereits meine GSreude ausgesprochen über die Schärfe
und Klarheit, mit welcher die beredte Sprache dieser Depeschen die chronische Krankbeit
des Orients darlegt:.
In der Tat ist es für einen Unbefangenen gewiß unmöglich, sich der Logik der in ihrer
natürlichen Aufeinanderfolge dargestellten TLatsachen und der daran geknüpften Räsonne-
ments zu entziehen. Die tiefen Schäden, an welchen sowohl der Orient selbst als das
Verhältnis der europäischen Mächte zum Orient leidet, und welche statt einer rationellen
und vernünftigen Heilung immer nur Polliative gefunden haben, eben darum aber auch
immer wieder zum Aufbrechen bereit bleiben, sind in ebenso überzeugender Weise dar-
gestellt, wie diesenige Politikt, welche in unruhiger Cötigkeit eben diese Schäden zum
Zweck ihrer Agitation und ihrer auf bedenkliche Konstellationen gerichteten Hoffnungen
ausmbeuten sucht. õn letzteren Beziehungen stimmen die in den Depeschen des Sürsten
Vortschakow enthaltenen Andeutungen vollkommen mit der Sprache überein, welche wir in
London und Paris durch unfere Vertreter vertraulich führen lassen, in einer Weise jedoch,
welche des Fürsten und unserem Wunsche gemäß jeden Argwohn einer anderen als der in
der Sache selbst liegenden Gemeinsamkeit ausschließt. Ich kann nur wünschen, dah diese
Sprache auch an den westlichen Höfen derjenigen Unbefangenbeit begegnen möge, bei
welcher sie ihres Cindrucks nicht verfehlen kann.
Ich glaube auch, in den Gedanken des Sürsten TNeichskanzlers einzugehen, wenn ich
annehme, daß es auch ihm nur darauf ankomme, die Schäden offen und überzeugend bloß-
mlegen und auf das Bedürfnis einer radikalen Heilung binzuweisen, und daß er nicht die
Absicht habe, im gegenwärtigen Moment eine solche Heilung direkt m finden oder
den übrigen Kabinetten vorzuschlagen. Ein solcher Vorschlag würde augenblicklich bei den
Westmächten wenig Entgegenkommen finden. Namentlich muß ich aus den mir aus
London zukommenden Berichten schließen, daß man doch jeden Versuch, an dem bestebenden
Zustand zu ändern, abweisen und jede Handhabe, um auf die Verträge, die diesen Zustand
regeln, zurückzukommen, mit einer ängstlichen Entschiedenbeit abweisen würde. Die Kon-
stellation und die Gruppirung der Mächte in diesem Augenblicke erscheinen für Arbeiten,
1 Der Satz beruht auf eigenbändigen Korrekturen Bismarcks.
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