Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

190 Vilettantenhafte Konsetturen Mr. Otwaus. 
haben, m erfahren, wie die englischen Diplomaten in Petersburg und München dis 
dunastischen Verhältnisse daselbst und deren Bedeutung für Preußen und Aorddeutschland 
ansehen. Sch bin mit denjselben darin einverstanden, daß die beiden Veränderungen, auf 
welche sie ihre Regierung vorzubereiten scheinen, eine uns feindliche Wendung der russischen 
Politik unter dem Nachfolger des Kaisers Alexander und eine NRevolution in Bapern, 
im Bereiche der Möglichkeit liegen; aber für wahrscheinlich balte ich sie nicht und kann 
ihnen, so wenig wir sie aus den Augen verlieren dürfen, doch unter den Wotiven unserer 
gegenwärtigen Politikt nur eine sekundäre Stellung anweisen. Sch kann es nur billigen, daß 
Ew. pp. sich auf die Konjekturen Mr. Otwaus über die künftige Haltung Rußlands nicht 
geäußert haben. Eventualitäten, wie ein Thronwechsel in einem der großen Staaten, sind 
natürlich den Erwägungen Seiner Majestät nicht fremd, aber sie eignen sich nur unter 
ganz besonderen Berhältnissen zu einem Meinungsaustausche mit fremden Negierungen, 
und Sw. pp. werden den allerhöchsten Intentionen entsprechen, wenn Sie es auch ferner 
vermeiden, auf dieses Thema mehr, als die Höflichkeit es erfordert, einzugehen. Sch bitte 
deshalb auch, in Öhren Unterhaltungen mit den englischen Staatsmännern die Grage 
unseres Verhältnisses zu ÖOsterreich getrennt zu halten von jener Eventualität, um deren 
willen Mr. Otway eine Annäherung Aorddeutschlands an Osterreich als das Wünschens- 
werteste bezeichnet. Ich weiß nicht, ob ich mich täusche, indem ich aus Ew. pp. Bericht den 
Eindruck empfange, daß in dem Nate, den der Herr Unterstaatssekretär uns gibt, die aus 
dem letzten österreichischen Rotbuche geschöpfte Vorstellung durchklingt, daß wir in die 
dargereichte Hand nicht eingeschlagen hätten. Sollte Ihnen diese Vorstellung in der Cat 
begegnen, so werden Sie aus meinem an das Notbuch geknüpften Schriftwechsel mit dem 
Grafen Beuft= dartun können, daß der letztere den Beweis für jene parlamentarische 
Phrase schuldig geblieben ist. Jedenfalls aber bitte ich, Lord Clarendon gefälligst auf 
einen unjweideutigen Schritt der Annäherung aufmerksam machen zu wollen, der von hier 
aus gescheben ist, und dessen Wirkung noch abzuwarten bleibt. Ich meine den Besuch, den 
Seine Königliche Hoheit der Kronprinz auf der Reise nach Suez in Wien abgestattet hat“. 
Daß Seine Königliche Hoheit diesen Umweg nahm, war nichts Zufälliges und Gleich- 
gültiges, sondern ein politischer Akt, zu welchem aus politischen Gründen die Genehmigung 
Seiner Mojestät erbeten und erteilt worden ist. 
Was die Gefahr einer Revolution in Baypern betrifft, so ist wohl anzunehmen, daß die 
Nachrichten darüber von Sir Henry Howard, dem englischen Gesandten in WMünchen, ber- 
rühren, an dem wir während der Verbandlungen über das gemeinschaftliche Festungs- 
eigentum eine übergroße Wißbegier, eine Aeigung zum Vertrieb klatschhafter Gerüchte 
nicht ohne französische und katholische Särbung kennen gelernt haben. (Vergl. meinen 
Erlaß vom 4. Februar d. J. Ar. 84“ und Ew. pp. Berichte vom 18. und 24. desl. M. 
a Vgl. dazu Ar. 1430. 
* Vgl. dazu Nr. 1436. batte Bi * 
*In dem Erlah vom 4. Sebruar 1869 hatte Dismar age darilber geführt, dah der englische Ge- 
sondte in München 7 Henry Howard, der in den Berichten des Gesandten v. Wertdern als lilche Ge. 
und ultramontan gerichtet erscheint, nicht nur das, was er über die Verbandlungen der dort tagenden Liqui- 
dationskommission, in Trfabrung brachte, brühwarm seinem kranzösischen Kollegen mitteilte, sondern auch be- 
flillen war, Preuhens Haltung als für Bayern unerträöglich zu verdächigen. Bismarck bezeichnete es in dem 
Erlab als wünschenswert, daß die englische Regierung, „die uns und eutschland wohl will“, erfabre, was 
ihr ertreter in München betreibe, und was er damit anrichte. Graf Bernstorff brachte die Bismarch 
K#½ en, wie er am 18. und 28. Februar des näheren eldete erst bei Gladstone, dann bei Lord eiche 
SEproche. Der englische Stcoieserel glaubte den Gelandten halbwegs in Schutz nehmen zu können, er- 
bs rie jedoch: „Wenn Sir Henry Howard gegen den Sürsten Hobenlohe oder gegen die Eilnĩigkeit und das