Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

14 Bismarcks õnteresse für gedeihliche Agrarverbältnisse Rußlands. 
darauf m erteilen. Wir haben nur unsere eigenen Interessen ins Auge zu fassen; und 
diese finden keinen Anknüpfungspunkt in den russischen Ostseeprovinzen. Dagegen ist es 
ein wirkliches Hindernis unserer guten Besiehungen, wenn man in ARußland an der Ein- 
bildung festbält, wir könnten dort jetzt oder in der Sukunft irgend welche Snteressen haben, 
und die Behandlung und Stellung der Ostseeprovinzen könne ein Moment für unsere 
Politik bilden, und wenn die nationale Partei von dieser Supposition aus uns mit Miß- 
trauen und Argwohn zu betrachten fortfährt. 
Ich kann daher nicht dringend genug die Bitte wiederholen, alles zu vermeiden, was 
dieser Boraussetzung irgendwie einen Schein von Begründung verleihen könnte, und bei 
jeder von der anderen Seite herbeigeführten Berührung dieser Angelegenheiten unseren 
politischen Standpunkt, von welchem aus wir jene Provinzen eben nur als Drovinzen des 
rufsischen Reiches anfehen, entschieden hervortreten zu lossen. 
*1332. Drtvatschreiben an den Gesandten in Petersburg 
Heirrich VII. Drinzen Reuß. 
[Konjept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.) 
Ein Artikel, den die „Aeue Preußische (Kreuz-) Zeitung“ am 11. Aärz über geplante 
reaktionäre agrarpolitische Mahßnahmen in den polnischen Beurken Auhlands brachte, gab 
Bismarck Anlah, dem Fürsten Gortschakom durch Reuß das große Interesse kundzutun, bear 
Sreund Nußlands an einer gedeihlichen Sntwickllung der Verhältnisse in diesen Be- 
Urken nahm. 
Vertraulich. Berlin, den 11. März 1869. 
In der „Kreuzzeitung“ vom 11. März Ar. 59 finden Ew. pp. auf der zweiten Seite 
umter der Nubrikk Rußland einen mit A bezeichneten Artikel, datiert St. Petersburg, 
2. Aärf, in welchem gesagt ist, daß der General Potapow, Generalgouverneur von Grodno 
uJw., sich in St. Petersburg befinde mit seinem Vorschlage, den Bauern dieser Gouverne- 
ments einen Teil des ihnen von seinen Vorgängern Baranow und Kaufmann verliehenen 
Grimdbesitzes wieder zu entjiehen, weil, wie er Jage, bei Verteilung dieses Eigentums 
offenbar viel zu weit gegangen worden sei und dies im Verhältnis zu den im übrigen 
Rußland geltenden Gesetzen wieder gut gemacht werden müsse. 
Es würde mich sehr interessieren, hierüber etwas Näheres m erfahren, und Ew. pp. 
werden mich durch Mitteilung dessen, was über die Absichten des Generals Potapow 
und ihre Aussichten auf Erfolg zu Ihrer Kenntnis kommt, m verbindlichstem Danke ver- 
pflichten. 
Ich kann nicht leugnen, daß, wenn die Sache sich wirklich so verbalten sollte, sie mir 
als gefährlich erscheinen würde. Es mag in der Tat mit großer Härte, ja Ungerechtig 
keit bei der ursprünglichen Mahregel der Verteilung verfahren worden sein; aber etwas 
anderes ist es, ob man dies von Anfang an hätte vermeiden sollen, oder ob man das 
einmal Gegebene den Bauern wieder abnehmen kann. Es könnten nicht allein die Grüchte, 
welche man sich von der ursprünglichen Maßregel versprach, wieder verloren geben, son- 
dern schlimmere Übelstände entstehen. Ich habe die in Aede stehende Verteilung als 
eine harte, aber große politische Maßregel angesehen, durch welche man in der Bauern- 
bevölkkerung einen sicheren und gewichtigen Verbündeten gegen die Aufstände des polni-