Volltext : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

O.  H.  L.  durch  das  Mittel  der  Zenfur  dle  grobsten  Aueschreltungen  zu  verhüten.
Sie  wirkte  als  Gift  statt  als  Arznei.  Ihre  Handbhabung  war  unter  Leltung  der
Oberzensurstelle  des  Krlegepresseamte  den  stellvertretenden  Generalkommandos
der  Helmat  übertragen.  Diese  übten  die  Zenfur  durch  Offlziere  aue,  denen  olelfach
  polltische  Erfabrung  und  polltisches  Urtell  abglngen.  Auch  wurde  die  Zenfur
namentlich  von  der  Reglerung  nur  zu  häufig  mißbraucht,  um  Kritik  an  ihren
Handlungen  zu  unterdrücken.  Und  da  alle  Partelen  in  dle  Lage  kamen,  oon  den
Auffassungen  der  Reglerung  abzuweichen,  so  entstand  in  der  Presse  elne  allgemelne
  Empörung  gegen  die  mllitärische  Beoormundung,  welche  allmählich
den  durch  die  ersten  beiden  Kriegesahre  beim  weitaue  überwiegenden  Teil  der
Presse  betätigten  guten  Willen,  die  militärische  wie  die  polltische  Leitung  dee
Relches  bel  Durchfübrung  des  Krieges  mit  allen  Mitteln  zu  unterstützen,  lähmte
und  verbrauchte.  Es  kam  binzu,  daß  den  militärischen  Aufsichtestellen  das  rechte
Verständnie  für  das  Wesen,  die  Rechte  und  Pflichten  der  Presse  fehite.

Hiese  Unterschätzung  und  Verkennung  der  Presse  war  schon  im  Frieden
bel  allen  Militär-  und  auch  Zlvilbehörden  nahezu  „guter  Ton“  gewesen.  Die
gesamte  Bureaukratie  hatte  nach  dem  Vorbilde  des  Kaisers  In  den  Angehörigen
der  Presse  „verkrachte  Existenzen“  gesehen.  Sle  hatte  die  Presse  mit  vollem  Bewußtsein
  „kurz  gehalten“,  sich  ihrer  nur  ungern  und  nur  im  Notfalle  bedient  —
ohne  ihre  ungeheure  Macht  lm  Gegenwartsgetriebe  zu  verstehen  oder  auch  nur
zu  erkennen  —  ohne  zu  bedenken,  daß,  wenn  man  ihr  Entgegenkommen  in  Anspruch
  nahm,  man  sich  auch  zu  Gegenleistungen  verpflichtete.  Olese  falsche  Einschätzung
  der  Presse,  wie  sie  oor  dem  Krlege  sogar  bel  den  deutschen  Zloilbehörden
im  Schwange  gewesen  war,  ging  im  Krlege  auch  auf  dle  mit  lhr  befaßten  mllitärischen
  Dienststellen  über.  Es  war  bel  solchem  Belsplel  der  Reglerungegewalten
nur  selbstoerständlich,  daß  den  Generalstabsofflzier  dle  Publizistik  und  ihre
ganze  Atmosphäre  fremd  und  unheimllch  anmutete.  So  wehrte  auch  er  sich
instinktiv  gegen  lhre  Macht  und  lhre  Ansprüche  und  versagte  lhr  auch  die  ihr  gebübrenden
  und  durch  ihre  unverkennbaren  Lelstungen  und  Opfer  verdienten
Anerkennungen.  Um  nur  ein  Belsplel  bervorzubeben:  der  Regen  an  Kriegeauezelchnungen
  aller  Art,  den  die  deutschen  Bundesstaaten  auf  alle  irgendwie
am  Kriege  betelligten  Faktoren  nledersandten,  ließ  die  Presse  so  gut  wle
gänzlich  unbegnadet,  während  die  Entente  gerade  die  Fübrer  der  gedruckten
öffentlichen  Melnung  mit  Ehren  überschüttete.

Es  feblte  eben  den  deutschen  KReglerungegewalten  wle  auch  den  mllitärischen
Olenststellen  an  dem  tleferen  Verständnie  für  das  Wesen  und  dle  Kräfte  des
modernen  Lebens.  Sie  blleben  in  den  Uberlieferungen  und  Zdealen  einer
längst  entschwundenen  Zeit  befangen.

Keln  Wunder,  daß  slch  der  öffentilchen  Meinung  Deutschlandes  elne  lmmer
tiefere  Verstimmung  und  Gedrücktheit  bemächtlgte.  Der  Glaube,  das  Vertrauen,
dle  durch  Hindenburge  Berufung  und  durch  bie  glückliche  und  schnelle  Beendlgung
  des  rumänlschen  Abenteuers  noch  einmal  einen  mächtigen  Auftrleb  erhalten
  hatten,  fielen  allmählich  wieder  in  die  unter  dem  Versagen  Falkenhapne
und  dem  Schwanken  Bethmanne  eingerissene  Berärgerung  und  Enutmutlgung
zurück,  als  der  schwere  Winter  1916/17  selne  elsige  Faust  auf  die  deutschen  Gauc
legte  und  die  Folgen  der  Hunger-  und  Rohstoffblockade  sich  in  steigender  Knapp-46