Full text : Rosenheimer Anzeiger. 63. Jahrngang (63)

Aummer  272

dem  Voot  beträchtliche  Beschädigungen  zugesügt,
so  daß  es  sast  wie  ein  Wunder  zu  betrachten  ist,
daß  „U...“  gläcklich  den  heimatlichen  Hasen
erreichte.  Mebrere  Tage  lang  waren  schwere
Nordweststürme  uber  das  Meer  hergesegt,  und
der  hohe  Seegang  hate  jede  Wafsenverwendung
ausgeschlossen.  Beigedreht  wiegte  sich  das  lleine
Boot  auf  dem  langen  Welle  mücen,  andauernd
überflutet  von  den  mit  elementarer  Gewalt  niederptasseluden
  Wassermassen.  Mährend  einer
Nacht  war  der  Sturm  fast  zum  Orlan  angewachsen,
  und  als  man  am  anderen  Morgen  bei  Hellwerden
  das  Boot  untersuchte,  stellte  sich  heraus.
daß  das  vordere  Tiesenruder  klenimte,  mithin  die
Tauchfähigkeit  des  Bootes  beträchtlich  eingeschränkt
  war.  Außerdem  waren  durch  den  starken
  Wellenschlag  verschiedene  Tauchtanks  lechgeschlagen.
  Wicht  ge  Nohrleitungen  hatten  sich
losgerissen,  der  Maschinenraum  stand  halbvoll
Wasser,  und  durch  losgeschlagene  Nieten  drang
an  meheren  Stellen  Seewasser  in  das  U-Boot
hinein.  Immer  mehr  neiate  sich  das  Boot  nach
leiner  Backbord=  (linken)  Scite  über.  Tiefer  san
das  Heä,  und  es  entstand  die  doppelte  Gefahr
des  Kenterns  und  Sintens.  Dabei  tobte  immer
noch  rundum  das  entfeiselte  Clement  im  höchiten
Aufruhr,  Sturzwelle  a  Slurzwelle  flutete  heran,
  bäumie  sich  auf  und  schüttete  ihren  Wassersegen
  donnernd  auf  die  ichwachen  Stahlwände
herunter.  Anugestrengtl,  mit  dem  Mute  der  Verzweiflung
  und  dem  festen  Willen,  das  Leben  so
teuer  wie  mäntich  zu  verkaufen,  der  eisernen  Emschlossenheit,
  lein  Mittel  unversucht  zu  lassen,
um  das  sinlende  Boot  zu  keten,  arbeitete  jeder
Mann  auf  seiner  Statiom.  Es  gelang,  das  Bool
schwimmend  zu  erhallen  10  dem  weiteren  Ein
dringen  des  Wass-  1%  Fvorzubeunen.  Zum  Glick
ließ  das  Unwettere  .liach,  doch  an  eine  Ausbesserung
  der  —  „idbt  war  bier  in  der  hohen
Ozcandünuny:  Tenlen.  Deshalb  entschlost
in  der  Nähe  lie.
genden  Zutc!  :  fahren  und  dort  zu  versuhen
  das  Lont  ei  nigermaßen  sceiuchtig  zu  machen.
Die  Duntiihen  mar  schuell  bereingedrochen,  als
man  la  ngiam  den  Aulerplatz  unitenerice.  Immer
noch  stand  ein  Narier  Seegang  und  häufig  hrausten
  Schure  und  NRegeiboen  vom  Westen  herau.
Wie  eine  Erlirung  murde  cs  begrußt,  als  bei  der
Winsalrrt  in  die  itille  Rucht  sich  die  Mellen  glättelen
  und  dio  schmerl  ararierre  Boolt  nUnn  endlich
  aus  seinen  sorleimden  Bemegungen  zur  Nuhe
gelangle.  Der  licine  Anker  sanie  in  die  Lese.
und  sofori  mmde  an  die  Aus  besserung.  der  Schü
den  gegungen.  Würde  das  Weri  gelingen  oder
muhle  man  sich  mit  dem  Gedanten  vertraut
machen,  dat  e  leine  Heimichr  mehr  für  das
Boot  gab?  Ale#r  deulsche  Zahigleit  und  das  technische
  Geschik  der  Maschinenpertonals  trugen
den  Sieg  davon.  lgleich  die  Nacht  ansierordentlich
  dunlel  war  und  unausgesett  schwere
Höen  in  die  einsume  Bucht  hineiniagten.  gelang
die  schmere  Arteit.  Um  dan,  unter  dem  vorderen
Teil  des  Boriermmupfes  festgellemmie  Tiefenruder
  io#szulosen,  multen  primitive  Häuuner  aus
Bootahalen  zuit  daran  befeiligten  Trimme
wichten  lergesem  werden.  Abwechseind  uurde
durch  dufluren  de  r  norderen  rder  tieferen  Tauchtanis
  das  U  ocht  in  cine  soiche  schiefe  Lage  gebrachl,
  dal,  mon  zum  Arl  eilen  an  die  betreffenden
  beschabtien  Sliellen  de#r#  Außenlörper-Bheranirnimen
  lennte.  Endiich  war  nad)  22stundiger
  harter  Arbeil  das  Werf  geian  und  dus
Bort  wieder  bheoingl  lauchllar,  so  daß  es  seinen
kriegerischen  Jwecken  wieder  #u  zesuhr!  werden
konnte.  di  Heimsal.  in  murbe  angerreten.  doch
der  slarke  Oelverluft  halte  den  Vorcal  an  Treiböl
  soweit  verminderl,  dat  er  Unmöglich  erschien,
ohne  Er#zun#zung  den  Heimatohafen  u  erreichen.
In  der  Nordsee  nallle  aber  die  drahllos  herbeigerusene
  Hilse,  und  er  gelang  bei  dem  inzwischen
rulhiger  gewordenen  Wetter,  die  Oelvorräte  aufgestern:
  zum  Leir.
Elückes  zu  wecken.
„„Nun,  hab'  ich  nichlt  Nechl  lehallen,  liches
Fraul'n?“"  flullerte  sie  ihr  zu.  „Hab  ich  nicht

gesagt,  ce  ist  nichte  mit  dem  Ungluck  und  mit
bem  Autg'extsein-  Sichist  jetzt  unser  Herrgott
  hatt’  doch  niles  recht  gemachl.“

Lina  lonnte  ihr  nur  mit  einem  Oandedrud
luntworten.  Linlte#  Dalle  indessen  beim  Vater
die  Bille  um  die  Haond  seiner  Tochter  erneuert.
„Wa  will  ich  muchen?“  sugte  der  Oberforflrat
  ernsl.  „Nel#men  Sie  denn  mein  Kind.“  fuhr
er  sort,  indem  er  Linicus  Hand  in  die  Karolinens
  legle,  „versuchen  Sic.  ihr  Leben  und  Gesundheit
  durd;  Ihre  Liebe  wiederzugeben!  Gehört
  denn  einander  und  rechtserligt  die  Fügung
  des  Himmel=  dadurch,  daß  Jür  Cuch  Fu=#ren
  Himmel  schon  auf  Erden  schafft!“

Miit  den  Empsindunzen  des  reinsten  Glückes  betrat
  die  Familie  wieder  den  oberen  Schloßhof
und  blickte  verklarten  Auges  in  die  Abendlandschaft
  hinnne.  Auch  der  Gumnasiaft  hatte  sich
eingesunden.  Er  war  auter  sich  vor  Frcude
und  holte  seinen  Matthisson  wicder  heivor.  Jetzt
war  das  (bedicht  lebendig  geworden.  Vom  nahen
  Abendlau  gelocdt,  halle  sich  sogar  das  seuher
  vermißle  Heimchen  eingefunden  und  begann
  sein  leises  Gezirp;  auch  das  Brautpaar,
sich  nach  langer  Trennung  wieder  gefunden,
feblte  nicht,  und  es  hie5  in  Wahrheit:
Bün  rie  treue  Hache  sorache  reichend
4  tand  sie  da,  errbtend  und  erbleichend;
14  H#  was  ihr  anftes  Auge  spricht,
Seängen  selbst  Petrark  u.  Sappho  nicht!“

 
  

in:
sich  der  ##o####n  nU.  nach  der

 

um  vollen  Sonnenschein  des
1

 

KRosenheimer  Anzelger

zusüllen  und  dann  glücklich  in  den  heimatlichen
Stötpunkt  einzulaufen.  Aus  dem  Bericht  des
Kommandanten  an  seine  vorgesetzte  Behörde
seien  kolgende  Säte  Fervorgehoben:  „Dem
mustergültigen  Geist  und  verständnisvollen  Mitarbeiten
  der  tüchtigen  Besatzung  hat  das  Boot
seine  Rettung  zu  verdanken.  Zähe  Ausdauer,  fatkräftiger
  Wille  und  die  starten  Nerven  der  in
jeder  Beziehung  auss  äußersie  angestrengten  Of-P
fiziere  und  X—  Ziigten  sich  jeder  Lage
gewachsen.  In  den  vielen  kritischen  Augenblicken
bewahrte  die  Besatzung  eiserne  Ruhe,  und  ihr
hervorragendes  mustergültiges  Verhalten  hat
in  außerordentlichem  Moßse  dazu  beigetragen,
daß  das  Boot  in  den  Hafen  zurücdgebracht  werden
  lonnte.“

das  Auge  der  Schlacht.

Wer  ist  das  Auge  der  Schlacht?

Noch  nicht  lang  ist's  her,  da  war  es  der  Feldherr.
  König  und  Her  Ahrer  mit  glänzendem
Stab  hielten  auf  scharrenden  Rossen  auf  der
Höhe,  sahen  zu  ihren  Füßen  das  gewaltige
Schauspiel  sich  abrollen.  Als  Feldmarschall
Graf  Schliefsen  im  ersten  Jalerzeknt  des  Jahrhunderts
  den  moadernen  Feldherrn  als  einen
Rechner  und  Denker  am  Kartentisch  in  irgen  deinem,
  dem  Fener  meilenweit  entfernten  Schloß
stizierte,  als  ein  abgeschieden  hausendes  Gelirn,
  das  von  tausend  Telegraphendrähten  und
im  Anto  heraneilenden  Generalstabsoffizieren
gespeist  wird,  da  glaubte  man  selbst  in  militärischen
  Kreisen  lächeln  zu  dürfen.  Und  heute?  Der
Neldherr  ist  unsichibar  geworden,  nur  zu  feierlichen
  Anlässen  begeht  er  die  Truppen.  Am
Schreibtisch  sißt  er,  statt  des  Feldstechers,  das

Telephon  in  der  Hand,  und  trotzt  dem  Anlurm
  der  aus  der  Leidenschaftlichkeit  des
Kampfes  geborenen  Meldungen,  welche  in  wechselnder
  Gestalt,  bald  als  atemlofer  Läufer,  bald
als  galoppierender  Reiter,  als  flatternde  Brieflaule,
  als  seuerdurchirrender  Meldehund,  als
Füm  aus  der  Dunkellammer,  als  Blinkmelie,  als
lausender  Flieger,  als  raiternder  Motorfahrer,
  als  elrlerischer  Strom  durch  Drähte  und
kurch  die  freie  Lust,  ihn,  den  Mittelpunkt  erreichen.
  Wer  ist  das  Auge  der  Schlacht?

Der  Infanterist?  Ach,  ihm  ist  die  Welt  ein
Trichter,  ein  zerhackter  Baumstumpf,  ein  Beet
von  zerfetztem  Drahtverhau,  bevölkert  von  zueii
Wesen,  das  ist  er  selbst  und  der  Tod.

Vielleicht  der  scharfschütze  dort  in  der  Höhenstellung?
  Frage  in  nach  dem  nächsten  Dorf,  er
wird  antworten,  das  ist  das  mit  dem  abge-=braumen
  Sckulhaus.  Er  weiß  nur,  daß  er  in
Flaurern  und  vor  einem  schoitischen  Regiment
liegi.  Aber  in  dem  siebenhundert  Meter  brei-##en
  Streifen,  den  sein  Maschinengewehr  zu  bestreichen
  hat,  sieht  er  jedes  Mäuslein  laufen.

 

Der  Ariillleriebcobachter,  dessen  Scherensernrohr
  am  Rand  der  UCochgelegenen  Stralt  emporragt,
  er  sieht  doch  die  Schlacht?  Gewiß.  Er
zeigt  dir  ein  graues,  dunstiges  *  mur-A
melt  von  den  Trümmern  der  Tuchhalle  i  in  Dpern,
deuiet  auf  cinen  meilenfern  glitzernden  Kiesel
und  behauptet,  das  sei  der  Zillebeker  See.
Fragst  du  ihn,  was  unsere  Infanterie  macht,  zuct
er  mit  den  Achseln  und  brumt  etwas  von
„Schweinerei;  Nauch  und  Feuer;  Leuchtingeln,
Geuehrfeuer?"“  Sist  er  gaur  auf  einem  hohen
Baum,  so  hüte  bict  binaufuuflettern,  es  lohnt
sich  nicht.

Wic  groß  aber  ii  erst  deine  Verblüffung,
wenn  du  den  gelamke#ten  Flieger  ansprichst,  und
von  ihm  Ofsfenbarungen  erwartest.  „Enormer
Verlehr  im  Plauquadtat.  4224  b  2“,  schimpft

Säwei  iger  e  die  GEplüclichen,  nicht  zu
itorcn.lmcuctll  nchnui  sich  sorigemacht  und
den  Weg  zum  Wallfahrtokirchlein  auf  dem  Peuicroberg
  angetreten.  Allerlei  Bilder  äbnlichen
Elüde,  wie  sie  es  eben  mit  angeseßen,  lauchten
vor  ih  auf,  und  ei  nie  gelanntes  Sehnen  hob
ihre  Brust.

Sie  war  nock  nicht  weit  gekommen,  als  sie
Männerschrilte  gegen  sich  von  oben  herab  kommen
  hörte  und  den  alten  Förster  in  voller  Jagdrüflung
  über  den  steilen.  steinigen  Berg  etwas
mübsam  herniederllimmen  sah.  Sie  rief  dem
wohllekamten  Mann  einen  freundlicken  Gruß
zu,  den  er  aber  nur  mit  einem  unwilligen  Murren
c.  widende:  er  zansie  dabei  an  dem  grauen
Schnurrbart  herum,  als  ob  er  dessen  Festigkeit
prüsen  wolle.

„Der  muß  heut  mit  dem  linken  Fu#  aufge—
standen  sein.“  sagte  Gertl,  ihm  unier  Lachen
nachblickend.

Vald  hatte  sie  den  sogenannten  Petersflein
erreicht.  eine  kleine  Steinnlatte,  von  welcher
eine  sleile  Gelswand  in  schauerliche  Tiefe  abstürzt,
welche  indes  zugleich  einen  überraschenden  Ausblick
  in  die  Gegend  gewährt.  Auf  dem  Stein
il  der  Eindruck  eines  menschlichen  Fußes  sichtbar,
  und  die  Sage  erzählt,  der  heilige  Petrus  sei
auf  seinen  Wanderungen  auch  hierher  gekommen,
  sei  still  gestanden  und  Babe  aus  Freude
über  die  buheit  der  Aussicht  mit  dem  Fuße
gestampft,  9  der  Eindruck  für  alle  Jeiten
geblieben.  Wenn  es  wahr  ist,  so  hat  Sankt  Peter
  jedenfallo  guten  Geschmack  bewiesen,  denn

 

der  Flieger,  „meiße  Tücher  in  der  Winterstellung
  vor  Poelkapelle  ausgelegt,  Engländer  L
also  nicht  wiit  vorgekommen,  unsere  braven  Insanteristen
  haben  mir  zugewinlt.“  Natürkich,  er
at  seinen  Gesechlagustrag  erfüllt,  im  übrigen
brauchie  er  beide  Augen,  um  sich  dur  die
Flalwolken,  die  himmlischen  Regenwolken  und
die  feindlichen  Jagdflugzeuge  durchzuschlängeln.

Dort  hinter  dem  Walde  schwankt,  von  einem
Dutzend  Soldatenfäusten  gehalten,  gleicht  der
ausgestopften  Haut  eines  diluvualen  Ungetüms,
der  Fesselballon.  Du  lleiterst  in  den  Korb,
schlingst  mit  befremolichen  Gesühlen  den  Fallsschirm
  rings  um  die  Brust,  und  fährst  hoch.  Wutende
  Anfälle  von  Seekrantheit  werden  mutig
unterdrückl.  1000  Meter  zeigt  der  Höhenmes.
ser.  Zaghaft  lugst  du  über  den  Korbrand,  Gott
ssei  gelobt,  die  Erde  ist  noch  da.  Nun  wirf  den
Blick  wmeit  hinaus  über  das  Schlachtfeld.  Silberne
  Straßen  schimmern  zwischen  Dpern,  Meenen,
  Asselare  und  Langemark.  Der  Troß
zmeier  Heere,  Kampfwerlzeug  und  Proviant  für
Hunderitaufende  kriecht  ui#e  Ameisenkarawanen
heran.  Lokomotiven,  winzig  wie  Kinderspielzeuge,
  schnaufen  durch  das  bräunliche  Land.
Dein  Blick  durchbohrt  den  zarten  Dumt,  der,
den  andrichen  Sümpfen  entauollen,  die
Kampfzone  überschleieri.  Die  Artillerien,  das
Werk  aus  Tausenden  von  Fabrilen  der  reichsten
  Länder,  sind  in  voller  Arbeit.  Wie  ein
Streußelkuchen  schaut  die  Kamofstätte  aus,  oder
wie  ein  Wogenschlag,  der  sich  auf  der  regnerien
  Landstraße  mit  Kot  bespritzt.  Du  gucklt

dem  Engländer  in  den  Kochtopf.  Da  ein  Batterienest,

  aus  dem  Feuerschlangen  zucken.  Da  ein
Lastlraftwagen.  Da  eine  schwarze  Kolonne  marschierender
  Soldaten.  Die  ganze  englische  Angrisssarmee
  mimeli  dir  zu  Füßen.  Wahrlich,
der  Fesselballon  ist  das  Auge  der  Schlacht.

Das  Auge  aber  hat  Brauen,  buschige  finstere
Vrauen,  die  sich  in  Gestalt  himmlicher  Wolken
über  deinen  Häupicen  zusammensieh=  #u.  Auspas.
sen!  schreit  der  Beobachter.  Du  hörst  ganz  dicht
nütendes  Gebell  von  Maschinengewehren  und
siehst  einen  deutschen  Flieger,  von  drei  Engländern,
  die  sich  hinter  der  Wnie  angeschlichen  haben,
  versolgt  abstreichen.  Der  Beobachter  zerrt
am  Telephon,  ruft  elwas  von  „Einkoolen,  Fliegergefalr“

  hinein  und  wintt  dir  heftig  zu,  dusollst

  dich  wie  er  auf  den  Korbrand  setzen.  Unter
  dir.  auf  der  Erde,  geht  ein  wildes  Knattern
los.  Die  Bedeckungsgewehre  feuern  auf  den  ei#-nen
  Engländer,  der  den  Ballon,  mit  Brandgeschossen
  spritzend,  umkreist.  Jenzt  schießt  auch  unser.
  Flak  mit  weißschimmernden  Kugeln  nach  dem
Feind.  Mein  Beobachter  starrt  anmf  den  unheimlichen
  Gegner.  Sobalo  er  den  Ballon  trifft,
leißt  es  abspringen  in  die  furchtbare  Tiefe,
ele  die  aufflammende  Hülle  über  den  Korb  zusammenstürzi.
  Selunden  werden  Ewigkeiten.  Da
drel#t  der  Engländer  ab,  und  enteilt  zornig  mit
einem  Schwefelschweif,  wie  der  weöhafüig=  böse
Feind.

Jst  der  Fesselballon  wirilich  das  Auge  der
Schlacht?  Nein.  Er  sieht  ins  Große,  doch  er
übersicht  das  Kleine.  Ungesehen  bleibt  das
beldenmürige  Häufkein,  das  zum  letzten  Male  um
den  letzten  Betonuntersland  gegen  die  wütenden
Auitralier  sich  schart,  ungesehen  der  lichte  Schützenschleier,
  der  über  Trichter  und  Leichen  dem
Bedrohten  zu  Hilfe  springt.  Wer  ist  es  dann?

Jeder  deutsche  Soldat  mit  zwei  offenen  Augen
  und  tapferen  Herzens,  der  seinem  Führer
Meldang  macht,  all  die  Hunderttausend,  die  das
mun  in  den  schrecklichen  Augenblicken  zwischen
Siien  und  Tod,  die  bilten  das  Auge  der

t.

—

über  die  ganze  Gegend  ist  wirklih  ein  ũbervolles
  Mah  don  Schonheit  ausgeschũttet.

Ohne  recht  zu  wissen,  was  sie  tat,  ließ  sich
Gertl  auf  den  Stein  nieder,  aber  sie  sah  nicht  in
die  lodende  Landschaft  hinaus;  sie  hatte  zu  viel
mit  den  Gedanken  zu  tun,  die  immcr  lebendiger
und  deutlicher  in  ihrem  Innern  aufstiegen,  als
wärc  ein  Schleier  davon  hinweggezogen  worden.
Sie  verfiel  wieder  in  dasselbe  Sinnen,  in  dem
sies  schon  vor  dem  elterlichen  Haufe  gesessen.  Der
Gedanke,  wie  ihr  eigenes  Schicksal  sich  gestalten
werde,  drängte  sich  ihr,  wie  noch  nie,  klar  und
unadweis  siich  auf,  und  Anderl's  Erzählung  vom
Petersberg  fiel  ihr  ein.  Sie  war  ja  nun  auf
dem  Wege  nach  dem  geheimnisvollen  Kirchlein.
Wie,  wenn  sie  diesen  Zufall  benutzte  und  das
Oralel,  von  dem  er  gesprochen,  befragte?  Aber
schon  im  Entstehen  unterdrückte  sie  diesen  Gedanken
  wieder  als  ein  schweres  Unrecht  „wenn
der  Herrgott  wollt',  daß  wir  unsere  Zuhunft
wissen,“  dachte  sie,  „würde  el  es  schon  darnach
eingerichtet  Baben  in  der  Welt.“

„Nein,  ich  tu'’s  nicht,“  sagte  sie  nach  einer
Weie,  sich  erl  hebend.  „Er  wird's  schon  machen
wie's  recht  ist,“  und  berahigt  schrirt  sie,  nachdem
sie  sich  Stirn,  und  und  Brust  bekreuzt,  wie
1  eine  Versuchung  abzuwehren,  rüstig  den  Berg
Einqn.

Bald  mar  das  Kircpein  mit  seinem  müoalten
Säulenportal  und  dem  heinernen  Sankt
trus  daraber,  mit  der  Kanzel  im  Freien  und
dem  schönen  grünen  Platz  um  dosselbe,  erreicht
und  die  Bäume,  die  denselben  wie  ein  Kranz  um-Sonntag,

  26.  November  7912

Ein  Gesetz  über  Mrbellsfkammeen

niie  es  die  Raiserliche  Volschaft  vom  4Fedrnar
1690  lereits  in  Aussicht  nahm,  ist  verschiedene
Ur  slände  megen  bis  heute  noch  nicht  zustande
gekommen.  Dle  bisherigen  Verhandlungen  darüder

  halen  gezeigt,  rab  die  verbündeten  Regietur
  gen  mit  dem  Rei  chsfag  darin  einig  sind,  daß
auch  die  Wbeiicet  wie  die  technischen  und
tan  se  än  nischen  Angestellten,  eine  öffentlich-rechiliche

  Vertretung  Aketen  sollten,  gleichwie  sie
die  übrigen  Verufsftände  in  ilren  Vertrekerkammern
  haren.  Bei  den  Verhandlungen  des  banerischen

  Landtags  1916  haben  Vertreier  der
Regicrung  ein  gesonderze-  Vorgehen  in  Aussicht

  gestellt,  falls  das  Reich  die  Regekung  der
Sacke  nicht  in  die  Hand  nehine.

Der  dem  Reichstag  dann  1908  vorgelegte  Gesetzentwurf
  scheiterte  datan,  daß  die  vom  Reichstag
  verlangte  Einbeziehung  der  Siaats-  und  Gemeindearbeiter
  in  das  Geseh,  sowie  die  Wänl-Darkeit
  der  außerbalb  des  Gewerbeverhällnisises
  slchenden  Arbeitelseireläre  bei  den  verbün-„deten
  Regierungen  eihebliche  Beder  cn  fand.
Eine  weitere  Vorsage  der  Regierungen  vom  11.
Februar  1910,  die  einen  Teil  der  früheren  Besch#züsse
  des  Neichstags  zwar  berücksichtigie,  diesem
  aber  zu  eng  erschien,  und  von  ihm  erweitert
  wurde,  sand  deshalb  neuerdings  Ablehnung.
Seit  1912  gestellie  F#tiativanträge  der  Par
teien  blieben  bis  jetzt  unerledigt.

In  den  letzten  Monalen  nun  haben  im  Reichstag
  zwischen  Veriretern  der  Parteien  untereinander
  und  der  Reichsleilung  Besprechungen  über
die  Wiedereinbringung  einer  Vorlage  über  Arbeitslammern
  startgesunden,  die  zu  einer  gewissen
  Verständigung  gesihrt  haben.  Die  Bedenken,
  die  seinerzeit  gegen  die  Wählbarteit  von  Ge-Lerischnite-
  und  Arbeilerselretären  als  Vertreter

der  Arbeiter  in  den  Abeitslammern  geltend  gemackt
  wurden,  sind  fallen  gelassen.  Dank  der
opferwüligen  Mitarbei  der  Arbeiterschaft  in
diesem  Kriege  ist  die  Steilung  der  verbündeien
Regierungen  zu  den  gewerlschaftlichen  Organisationen
  eine  andere.  entgegenkommendere  geworden.
  Auck  der  Widerstand  von  anderer  Seite
bar  eine  Sckwächung  ersahren.  Dazu  lommt,

dat  inzwischen  in  dem  Gesen  über  den  vaterläudischen
  Hüfsdienst  vom  5.  Dezember  1916  eine
Reihe  von  Forderungen  erfüllt  sind,  die  seinerzeit
  durch  das  Arbeitslammergesetz  erledigt  werden
  wollten.  Wie  aus  den  Verhandlungen  des
Kongresses  der  christlih-nationalen  Arbei#er
schaft  und  Angeslellien  Ende  Oktober  1917  zu
Berlin  hervorgeht,  legen  diese  Kreise  großen
Wert  auf  die  Erhaltung  und  Uebertragung  der
Schutbbesiimmung  des  Hilssdienstgesetzes  auf
aile  Arbeiier  und  Angsstellien.  Es  kommen  hier
besonders  in  Frage  die  Arbeiter=  und  Angestelllenausschüsse,
  sowe  die  Schlichiungsstellen
mit  dem  Rechi,  Anträge  und  Beschwerden  aus
dem  Lohn-  und  Arbeitsverhälinis  zur  Kenntnis
der  Unternehmer  zu  bringen  bzw.  unier  dem
Vorsitz  eines  Unparteischen  darüber  zu  entscheiden.


Der  neue  Staalsselielãr  für  Sozialpolitik,  Dr.
Sckwander,  hat  auf  dem  Kongreß  zu  erlennen
gegeben,  dat  er  geneigt  isl,  nach  dieser  Richtung
hin  tärig  zu  sein  und  hat  erklärt:  „Wir  prüfen
heute  ernsliich,  wie  es  möglich  sein  wird,  das
Arbeiterrechi  jrei  von  umötigen  Hemmungen
auraugestalten,  dem  Arbeiter  und  dem  Angestellten
  die  Mitwirkung  und  Vertretung  im  Staatsleben
  zulommen  zu  lassen;  aber  nicht  nur  für  die
Kriegszeit,  sondern  auch  für  den  tommenden
Wiedreraufbau  und  die  Fortsetzung  der  Friedensarbeit.“
  Gemäk  den  worausgegangenen
Verhandlungen  unter  den  Parteien  im  Reichstag
und  den  Aeußerungen  des  Staaissekretärs  ist
zu  erwarten,  berei##s  in  der  nächsten  ordent- 



gaben,  schie  ienen  n  der  stälen  n  Besucherin  ihre  Grü.
ste  entgegen  zu  rauschen.

Ihr  Geschäft  war  bah  verrichtet.  Der  Propit,
der  zugleich  Pfarrer,  Nesner  und  Lehrer  für
die  wenigen  Kinder  der  Berghöhe  ist,  der  aber
auch  gern  dem  durstigen  Wanderer  von  seinen
für  sich  eingelegten  Voräten  spendet,  begleitete
sie  bis  unter  die  Türe  und  sah,  um  von  der  untergehenden
  Sonne  nickt  geblendet  zu  werden,
mit  der  Hand  über  den  Augen  dem  dahinschreitenden
  Mädchen  nach.

Gertl  kam  an  der  nich  vorüber.  In  derselben
  war  es  schon  tief  dammerig;  das  Licht  der
Ampel  war  bereits  lichtbar,  sie  aber  wandte  die
Augen  ab,  denn  es  kam  ihr  vor,  als  ob  der
heilige  Petrus  über  der  Türe  sich  bewege  und
ihr  zunicke.  Rascher  vollte  sie  auf  dem  Bergweg
  hinunter,  aber  sie  sollte  degu  t  vorbeikommen;
  denn  die  Stimme  des  Propstes  flog  ihr
nach  und  hielt  sie  fest.

„Wie,  Gertl,  wirft  doch  als  eine  gute  Christin
nicht  an  der  Kirch  vorbeigehen?"“  rief  er.
„Sonst  wohl  dem  heiligen  Petrus  eine  „Gute
Nacht-  sagen  er  il  ein  gar  guter  Schuhparon


Gertl  erschrak,  daß  ihr  beinah'  die  Knice  bran.

  Nun  waren  alse  guten  Vorsätze  vergeblich.
Sie  fand  keinen  Grund,  die  fromme  Aufforderung
  des  Geistlichen  #  und  sie  wandte
sich  daher  gegen  die  —t  während  der  Propft.
beseiedin  in  seine  Behasung  zurückkehrte.

Ehrsurchtgebietender  Schauer  wallt:  ihr  aus
der  rötlichen  Dämmemg  des  Kirchleins  entge-- 



gen.  (Fortsehung  kolgt.)