Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang. 1911. (52)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  15.)  79

Streites  leitend  gewesen,  und  ich  habe  ihn  bis  zuletzt  innegehalten.  Es
kam  darauf  an,  eine  Verständigung  zwischen  den  streitenden  Professoren
herbeizuführen.  Das  war,  wie  die  Dinge  einmal  lagen,  die  einzig  mögliche
Lösung.  Dieses  Ziel  haben  alle  gehabt,  die  an  der  Sache  gearbeitet  haben,
zunächst  die  Professoren  selbst.  Als  das  nicht  gelang  und  mir  von  einzelnen
Herren  gesagt  wurde:  Wir  sind  nicht  mehr  in  der  Lage,  eine  Verständigung
herbeizuführen,  Sie  allein  könnten  allenfalls  noch  dazu  in  der  Lage  sein,
habe  ich  die  mit  der  Untersuchung  des  Falles  von  mir  berufenen  Herren
meines  Ministeriums  ersucht,  sich  ihrerseits  um  die  Herbeiführung  einer
Verständigung  zu  bemühen.  Das  ist,  wie  Sie  wissen,  nach  mühevollen,
tagelangen  Verhandlungen  gelungen.  Es  wurde  eine  Verständigung  erzielt,
die  allen  Teilen  genügen  konnte.  Das  wurde  damals  auch  allgemein  anerkannt.
  Was  ist  nun  nachher  geschehen,  daß  dieses  endlich  erreichte  Ziel,
das  auch  in  dem  Gutachten  der  Fünfer-Kommission  und  von  allen  Beteiligten
  als  erstrebenswert  anerkannt  war,  wieder  in  Frage  gestellt  wurde?
Das  ist  der  Artikel  der  „Vossischen  Zeitung“,  der  unter  einer  gewissen  Mitwirkung
  von  Professor  Bernhard  zustande  gekommen  ist.  Darin  heißt  es:
„Der  Professorenstreit  beigelegt!  Nach  zehntägigen  höchst  schwierigen  Verhandlungen
  im  Kultusministerium  sind  die  Verhandlungen  zwischen  den
Professoren  der  Nationalökonomie  Sehring,  Schmoller,  Wagner  einerseits
und  Bernhard  andererseits  durch  loyale  Erklärungen  beider  Teile  aus  der
Welt  geschafft.  Diese  Erklärungen  werden  die  Hemmnisse  beseitigen,  die  bisher
der  freien  Lehrtätigkeit  eines  Beteiligten  entgegengestanden  haben.“"  Muß
man  denn  daraus  einen  Vorwurf  gegen  die  Professoren  Sehring,  Schmoller,
Wagner  entnehmen?  Wenn  man  nicht,  wie  mir  scheint  in  etwas  übertriebener
  Empfindlichkeit,  in  diese  Worte  mehr  hineinlegt,  als  erforderlich
ist,  dann  ist  das  doch  eine  objektive  Darstellung  des  Falles.  Man  kann
ja  sagen,  es  wäre  besser  gewesen,  wenn  auch  das  unterblieben  wäre,  aber
reicht  denn  das  aus,  um  den  ganzen  Streit  wieder  zu  erneuern,  der  eben
mit  solcher  Mühe  und  nach  dem  Wunsche  aller  Beteiligten  beigelegt  war?
Da  muß  ich  denn  doch  sagen:  das  reicht  nicht  aus.  Ich  kann  es  nicht
verstehen,  daß  man  das  zum  Anlaß  genommen  hat,  um  wieder  in  der  Presse
diesen  unglückseligen  Kampf  anzufangen.  Ich  kann  den  Herren  da  den
Vorwurf  nicht  ersparen,  daß  sie  zu  empfindlich  gewesen  sind  und  daß  sie
den  Wunsch,  die  eigene  Persönlichkeit  unter  allen  Umständen  zu  rechtfertigen,
zu  sehr  in  den  Vordergrund  gestellt  und  der  Rücksicht,  die  sie  nehmen
mußten  auf  ihre  Kollegen  und  auf  das  Ansehen  der  Universität,  an  der  sie
zu  lehren  die  Ehre  haben,  nicht  voll  genügt  haben.  Ich  gehe  auf  die
Einzelheiten  des  Streites  nicht  mehr  ein,  da  ich  sie  in  der  Kommission
eingehend  dargelegt  habe,  nur  das  eine  muß  ich  auch  hier  hervorheben,
daß  ich  nach  eingehenden  Erwägungen  nicht  dazu  kommen  konnte,  dem
Professor  Bernhard  den  Vorwurf  des  Wortbruchs  zu  machen,  und  deshalb
außerstande  war,  gegen  ihn  das  Disziplinarverfahren  mit  dem  Ziel  auf
Entfernung  aus  dem  Amte  einzuleiten,  so  hatte  ich  keine  Möglichkeit,  ihn
aus  seiner  Stellung  zu  beseitigen,  denn  die  Professoren  sind  nicht  versetzbar.
Ich  war  nicht  in  der  Lage,  dem  Ersuchen  der  Fakultät,  Bernhard  aus
ihrer  Mitte  zu  nehmen,  zu  entsprechen,  weil  mir  dazu  die  Mittel  fehlen,
und  ich  hätte  gewünscht,  daß  die  Fakultät,  die  das  doch  sehr  wohl  wußte,
es  unterlassen  hätte,  diese  Bitte  wiederholt  an  mich  zu  richten.  Auch  was
nun  den  weiteren  Vorwurf  anlangt,  daß  Prof.  Bernhard  während  der  ganzen
Angelegenheit  im  Ministerium  gestützt  worden  sei,  daß  seine  Aeußerungen  auf
Rarschläge,  die  er  im  Ministerium  erhalten  habe,  zurückzuführen  seien,  und  daß
im  letzten  Ende  die  Entwicklung  des  Streites  nur  darauf  beruhe,  daß  zwischen
dem  Personaldezernenten  im  Ministerium  und  den  anderen  Dezernenten