Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 15.) 79
Streites leitend gewesen, und ich habe ihn bis zuletzt innegehalten. Es
kam darauf an, eine Verständigung zwischen den streitenden Professoren
herbeizuführen. Das war, wie die Dinge einmal lagen, die einzig mögliche
Lösung. Dieses Ziel haben alle gehabt, die an der Sache gearbeitet haben,
zunächst die Professoren selbst. Als das nicht gelang und mir von einzelnen
Herren gesagt wurde: Wir sind nicht mehr in der Lage, eine Verständigung
herbeizuführen, Sie allein könnten allenfalls noch dazu in der Lage sein,
habe ich die mit der Untersuchung des Falles von mir berufenen Herren
meines Ministeriums ersucht, sich ihrerseits um die Herbeiführung einer
Verständigung zu bemühen. Das ist, wie Sie wissen, nach mühevollen,
tagelangen Verhandlungen gelungen. Es wurde eine Verständigung erzielt,
die allen Teilen genügen konnte. Das wurde damals auch allgemein anerkannt.
Was ist nun nachher geschehen, daß dieses endlich erreichte Ziel,
das auch in dem Gutachten der Fünfer-Kommission und von allen Beteiligten
als erstrebenswert anerkannt war, wieder in Frage gestellt wurde?
Das ist der Artikel der „Vossischen Zeitung“, der unter einer gewissen Mitwirkung
von Professor Bernhard zustande gekommen ist. Darin heißt es:
„Der Professorenstreit beigelegt! Nach zehntägigen höchst schwierigen Verhandlungen
im Kultusministerium sind die Verhandlungen zwischen den
Professoren der Nationalökonomie Sehring, Schmoller, Wagner einerseits
und Bernhard andererseits durch loyale Erklärungen beider Teile aus der
Welt geschafft. Diese Erklärungen werden die Hemmnisse beseitigen, die bisher
der freien Lehrtätigkeit eines Beteiligten entgegengestanden haben.“" Muß
man denn daraus einen Vorwurf gegen die Professoren Sehring, Schmoller,
Wagner entnehmen? Wenn man nicht, wie mir scheint in etwas übertriebener
Empfindlichkeit, in diese Worte mehr hineinlegt, als erforderlich
ist, dann ist das doch eine objektive Darstellung des Falles. Man kann
ja sagen, es wäre besser gewesen, wenn auch das unterblieben wäre, aber
reicht denn das aus, um den ganzen Streit wieder zu erneuern, der eben
mit solcher Mühe und nach dem Wunsche aller Beteiligten beigelegt war?
Da muß ich denn doch sagen: das reicht nicht aus. Ich kann es nicht
verstehen, daß man das zum Anlaß genommen hat, um wieder in der Presse
diesen unglückseligen Kampf anzufangen. Ich kann den Herren da den
Vorwurf nicht ersparen, daß sie zu empfindlich gewesen sind und daß sie
den Wunsch, die eigene Persönlichkeit unter allen Umständen zu rechtfertigen,
zu sehr in den Vordergrund gestellt und der Rücksicht, die sie nehmen
mußten auf ihre Kollegen und auf das Ansehen der Universität, an der sie
zu lehren die Ehre haben, nicht voll genügt haben. Ich gehe auf die
Einzelheiten des Streites nicht mehr ein, da ich sie in der Kommission
eingehend dargelegt habe, nur das eine muß ich auch hier hervorheben,
daß ich nach eingehenden Erwägungen nicht dazu kommen konnte, dem
Professor Bernhard den Vorwurf des Wortbruchs zu machen, und deshalb
außerstande war, gegen ihn das Disziplinarverfahren mit dem Ziel auf
Entfernung aus dem Amte einzuleiten, so hatte ich keine Möglichkeit, ihn
aus seiner Stellung zu beseitigen, denn die Professoren sind nicht versetzbar.
Ich war nicht in der Lage, dem Ersuchen der Fakultät, Bernhard aus
ihrer Mitte zu nehmen, zu entsprechen, weil mir dazu die Mittel fehlen,
und ich hätte gewünscht, daß die Fakultät, die das doch sehr wohl wußte,
es unterlassen hätte, diese Bitte wiederholt an mich zu richten. Auch was
nun den weiteren Vorwurf anlangt, daß Prof. Bernhard während der ganzen
Angelegenheit im Ministerium gestützt worden sei, daß seine Aeußerungen auf
Rarschläge, die er im Ministerium erhalten habe, zurückzuführen seien, und daß
im letzten Ende die Entwicklung des Streites nur darauf beruhe, daß zwischen
dem Personaldezernenten im Ministerium und den anderen Dezernenten