12 Martin Luther
stanzer Konzil in der Verdammung Hus' geirrt habe, damit gab
er zu, daß es dem gläubigen Christen möglich sei, anderer Meinung
zu sein als die Päpste und die kirchliche Lehrgewalt. Mit
diesem öffentlichen Bekenntnis hatte sich Luther auf einen Boden
gestellt, auf dem mit ihm nicht mehr zu verhandeln war; gegen
einen derartigen Rebellen konnte Rom nicht Duldung oder Milde
walten lassen. Wohin wäre es mit dem gewaltigen Lehrgebäude
der Kirche gekommen, wenn jeder einfache Mönch seine abweichenden
Meinungen ungestraft hätte vertreten dürfen? Die Art, in der dieser
Streit sich entwickelt hatte, machte es dem Papste unmöglich, nachzugeben.
Und auch Luther war kühner geworden und hatte es gewagt,
seine Ansichten über Disziplin und Lehre der Kirche fortzuentwickeln;
mit Gleichgesinnten, denen er ausgesprochen hatte,
was längst in ihren Herzen gewohnt, war er dazu gekommen, die
an Rom geübte Kritik immer mehr zu erweitern. 1518 hatte sich
ihm ein junger, gelehrter, dabei vorsichtiger und kaltdenkender Mann,
Philipp Schwarzerd, genannt Melanchthon, angeschlossen, dessen
gründliche Kenntnis vornehmlich der griechischen Sprache, Luther
bei der Entwickelung seiner Ansichten die größte Unterstützung lieh.
Was Hunderte in Deutschland dunkel gefühlt, das hatte Martin
Luther zum erstenmal deutsch und deutlich in Worte gekleidet: daß
manches faul im kirchlichen Staate sei. Die Überzeugung hiervon,
andererseits auch der Eifer, mit dem nicht immer besonnene Anhänger
Roms die bestehenden Mißbräuche verteidigten, für die man
gewiß nie die Kirche als Ganzes, sondern nur einzelne ihrer mißratenen
Söhne verantwortlich machen darf, trieben jetzt Luther und
seine Freunde in einen Weg hinein, von dem keiner ahnte, wohin
er führen konnte: keiner von ihnen, am wenigsten Luther, hat ansangs
an eine Trennung von Rom gedacht. Und doch führte der
Weg immer mehr abseits, schon war Luther für die Ausspendung
der Kommunion auch durch den Kelch an die Gläubigen, den sogenannten
Laienkelch, schon war er für die Nichtigkeit der guten
Werke eingetreten, und hatte seine Lehre von der Heilsgewißheit
durch den Glauben allein aufgestellt; schon hatte er die Autorität
der Kirche, der Konzilien und des Papstes über Bord geworfeu,
schon hatte er eines der tiefsten Geheimnisse der römischen Kirche,
das Altarsakrament, nach eigener Weise umzudeuten versucht: Leib
und Blut Christi waren ihm wirklich, aber nicht erst nach der Konsekration
des Priesters, anwesend in, d. h. zugleich mit dem Brote
und Weine; das Sakrament war ihm bloß eine Gabe, kein Opfer;