Full text : Von Luther zu Bismarck. Erster Band. (1)

Die  Thesen  11

men  der  römischen  Kurie,  etwa  sofort  mit  dem  Donnerkeil  gegen
Luther  vorzugehen.  Zweifellos  wußte  man  durch  Staupitz  um  den
Charakter  und  die  Art  des  Mannes;  es  war  vorteilhafter  für  die
Kirche,  wenn  es  gelang,  Luther  zur  Rücknahme  seiner  Thesen,  zum
Eingeständnis  seines  Unrechts  zu  bewegen,  als  wenn  man  ihn  sofort
  mit  Gewalt  mundtot  gemacht  hätte.  So  stellt  sich  in  der  nächsten
  Zeit  die  Politik  der  Kurie  durchaus  milde  und  entgegenkommend
dar;  1518  und  1519  verhandeln  zwei  Sendboten  Roms,  Cajetan
de  Vio  und  Karl  von  Miltitz,  mit  Luther  in  urbanster  Weise,  und
Miltitz  gelingt  es,  einen  Vergleich  mit  diesem  zu  schließen,  der  ihn
tatsächlich  mundtot  gemacht  hätte,  wenn  er  aufrichtig  gemeint  gewesen
  wärc.  Luther,  der  in  Wort  und  Schrift  seine  Ansichten  gegen
Tetzel  und  Eck  verteidigt  hatte,  versprach  zu  schweigen,  wenn  auch
feine  Gegner  schweigen  würden,  und  erklärte  sich  bereit,  einen  entschuldigenden
  Brief  an  den  Papst  zu  richten.  In  der  Ablaßsache  selbst
sollte  der  Erzbischof  von  Trier  den  Schiedsspruch  fällen.  Es  ist  sehr
die  Fragc,  ob  ein  solcher  Friede  möglich  gewesen  wäre;  ob  nicht
Luthers  Anhänger,  denn  deren  zählte  er  in  Thüringen  bereits  viele,
eigenmächtig  den  Streit  fortgesetzt  haben  würden,  endlich  ob  Luther
die  Entscheidung  des  Trierers,  die  unmöglich  zu  seinen  Gunsten  ausfallen
  konnte,  angenommen  hätte.  Es  scheint  ein  Kompromiß  gewesen
  zu  sein,  das  nur  vorübergehend  wirken  sollte,  eine  Lösung
der  Streitfrage  aber  nicht  erzielen  konnte.

Einer  der  kühnsten  Anhänger  Luthers  war  Andreas  Vodenstein,
Professor  in  Wittenberg,  genannt  Karlstadt.  Mit  diesem  verabredete
Dr.  Eck  eine  Disputation  über  theologische  Fragen,  eine  zu  jener
Zeit  beliebte  Form  von  Polemik;  in  seiner  Einladung  zu  derselben
griff  Eck  Luther  so  entschieden  an,  daß  dieser  sich  nicht  weiter  an
das  Abkommen  mit  Miltitz  gebunden  hielt  und  es  für  seine  Pflicht
crachtete,  dem  Freunde  beizustehen.  In  der  Disputation,  die  vom
27.  Juni  bis  14.  Juli  1519  in  Gegenwart  des  Herzogs  Georg  des
Bärtigen  von  Sachsen-Meißen  in  Leipzig  stattfand,  fielen  die  entscheidenden
  Worte.  Auf  die  Lehren  des  Johann  Hus  griff  man  zurück,
  und  Eck,  der  mit  weit  überlegener  Dialektik  und  Schriftkenntnis
  kämpfte,  und  dem  es  darum  zu  tun  war,  den  Gegner  zu  entlarven
  und  in  die  Enge  zu  treiben,  wußte  Luther  das  Zugeständnis
zu  entreißen,  daß  er  manche  Glaubenssätze  Hus'  für  echt  christlich
halte.  Das  brachte  ihn  in  Konflikt  mit  der  gegenteiligen  Auffassung
des  Papsttums,  damit  gab  er  zu,  daß  nach  seiner  Ansicht  das  Kon-