Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zwölfter Jahrgang. 1871. (12)

Trankreich.  397

und  daß,  als  man  endlich  im  Februar  zu  den  Wahlen  geschritten,  der  Minister
des  Innern  in  einem  Rundschreiben  ausdrücklich  zu  starker  Theilnahme  an  der
Beschickung  einer  Versammlung  eingeladen  habe,  „welche  über  Krieg  und
Frieden  entscheiden  und  vielleicht  auch  die  Grundlagen  unserer  politischen  Einrichtungen
  legen“  werde;  „denn,  habe  er  hinzugefügt,  Niemand  kann  voraussehen,
  wo  sie  in  ihrem  Wirken  innehalten  wird"“,  Langlois:  Es  sei  gleichwohl
  eine  Thatsache,  daß  in  Paris  die  große  Mehrheit  sich  gegen  die  Kompetenz
  der  Nationalversammlung  für  Verfassungsfragen  erkläre  und  derselben
nur  gesetzgebende  Gewalten  einräume.  (Lärm.)  Baragnon:  Man  will
dieser  Versammlung  die  konstituirende  Gewalt  streitig  machen,  und  wer  thut
Dieß?  Sie,  die  Männer  vom  4.  September,  die  Sie  die  bestehende  Regierung
gestürzt  haben!  Jules  Favre:  Sie  hat  sich  selbst  gestürzt!  Testelin  (von
seinem  Platze  auf  einer  der  hintersten  Bänke  des  Saales):  Ohne  den  4.  September
  würden  Sie  noch  heute  dem  Kaiser  die  Stiefel  lecken!  Auf  diese
Worte  bemächtigt  sich  der  Versammlung  eine  ungeheuere  Aufregung.  Die
Nufe:  Zur  Ordnung!  werden  mit  Nachdruck  laut;  viele  Abgeordnete  verlassen
ihre  Plätze,  und  einer  von  ihnen,  Hervé  de  Saisy,  geht  mit  geballter  Faust
auf  Testelin  los.  Der  Tumult  wird  so  groß,  daß  der  Präsident  sich  bedeckt.
Auf  dieses  Zeichen  stellt  sich  die  Ruhe  sogleich  wieder  her.  Präsident:  Hr.
Testelin!  Sie  haben  mit  Ihrer  beleidigenden  Unterbrechung  einen  wahren
Tumult  herbeigeführt;  ich  rufe  Sie  zur  Ordnung.  (Sehr  gutl!)  Testelin
will  sich  rechtfertigen,  kommt  aber  nicht  zu  Worte;  er  wendet  sich  zum  Präsidenten,
  der  dann  dem  Hause  hinterbringt:  Hr.  Testelin  sagt  mir,  daß  die
beleidigenden  Ausdrücke,  deren  er  sich  bediente,  nicht  der  Nationalversammlung
gegolten  hätten  und  daß  er  diese  Worte  lebhaft  bedauere;  unter  solchen  Umständen
  glaube  ich  den  Ordnungsruf  nicht  aufrechterhalten  zu  sollen.  Von
der  Linken  bringen  noch  Louis  Blanc  und  Nagquet  einige  Bemerkungen  bei,
namentlich  um  die  alleinige  Souveränetät  des  Landes  zu  betonen.  Dann  wird
das  Amendement  Duprat  mit  überwiegender  Mehrheit  verworfen.  Zum  ersten
Absatz  der  Erwägungen  erhält  Gambetta  das  Wort.  Ich  möchte,  sagt  er,
die  Verwerfung  dieses  Passus  aus  drei  Gründen  verlangen:  erstens  weil  er
überflüssig  ist,  zweitens  weil  er  ohne  genügende  Gründe  einen  Uebergriff  enthält,
  zu  dem  sich  die  Nationalversammlung  in  ihrem  Patriotismus  nicht  sollte
hinreißen  lassen,  und  drittens  weil  mit  dieser  Behauptung  ein  wahrer  Zwietrachtsapfel
  in  das  Land  geworfen  und  die  allerseits  angestrebte  Versöhnung
und  Beschwichtigung  vereitelt  wird.  Der  Passus  ist  überflüssig;  denn  in  der
That  lebten  wir  bis  vor  drei  Wochen  unter  einem  zwar  gebrechlichen,  aber
doch  von  allen  Seiten  respektirten  Waffenstillstande.  Ich  gehöre  nicht  zu  Jenen,
die  da  stets  behaupten,  daß  die  öffentliche  Meinung  ganz  und  gar  auf  ihrer
Seite  stehe.  Gewiß  sind  die  Meinungen  getheilt:  aber  Niemand  kann  leugnen,
daß  die  Besorgniß,  die  Nationalversammlung  könnte  durch  konstituirende  Akte
an  die  souveränen  Rechte  der  Nation  rühren,  neue  Unruhe  und  Spaltung  über
unser  Land  gebracht  hat  und  daß  in  demselben  vie  Ueberzeugung  vorwiegt,
diese  Versammlung  sei  zur  Begründung  definitiver  Zustände  nicht  berufen.
Das  Land  gesteht  Ihnen  eine  unumschränkte  Gewalt  zu,  es  provisorisch  zu
regieren,  und  in  diesem  Sinne  konnten  Sie  die  Geschicke  Frankreichs  in  die
Hände  des  ausgezeichneten  Mannes  legen,  den  das  Votum  von  30  Departements
  Ihnen  als  den  würdigsten  bezeichnet  hat.  Warum  verblieb  es  nicht
bei  diesem  modus  vivendi?  Man  sollte  doch  einsehen,  daß  sich  die  Dauerbarkeit
  nicht  dekretiren  läßt.  Auch  ist  das  Kompromiß,  zu  dem  Sie  heut  zu
gelangen  scheinen,  nicht  das  Werk  einer  echten  Regierungsmoajorität,  sondern
nur  die  Verlängerung  eines  zweideutigen  Zustandes.  Es  fehlt  in  diesem  Hause
eine  hinlänglich  kompakte,  entschlossene  Partei,  welche  dem  Regierungsmechanismus
  die  nöthige  Kraft  verliehe,  und  daran  werden  Ihre  heutigen  Beschlüsse
nichts  ändern.  Diese  Versammlung  verdankte  ihr  Entstehen  nur  dem  allgemeinen
  Verlangen,  sich  mit  dem  Feinde  in  irgendwelcher  Weise  auseinander-