Full text : Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Dritter Band. (3)

Schreiber  bei  der  Arbeit.  Ebenso  sinnreich  sind  die  Selbstordner
  und  die  Umschaltvorrichtungen  an  Schreibmaschinen,
die  dem  Einhänder  ein  schnelles  Arbeiten  ermöglichen.
Alle  diese  Behelfsmittel  besitzen  außer  ihrer  unbedingten

Brauchbarkeit  die  Vorzüge,  daß  sie  sehr  einfach  sind  und

bequem  überall  aufgestellt,  benutzt  und  ausgewechselt  werden
  können.

Die  vorstehende  Besprechung  der  verschiedensten  Berufszweige
  erhebt  keineswegs  den  Anspruch,  erschöpfend  zu
sein.  Um  nicht  ermüdend  zu  wirken,  konnte  auf  alle  Verwendungsmöglichkeiten
  der  Kriegsbeschädigten  nicht  eingegangen
  werden.  Im  großen  und  ganzen  wird  sich  überall
das  Wort  bewahrheiten:  „Wo  ein  Wille  ist,  da  ist  auch
ein  Weg!“  Dies  gilt  besonders  für  diejenigen,  die  auf  der
Walstatt  den  Verlust  eines  Gliedes  zu  beklagen  haben.
Denn  sie  glauben  vielfach  zuerst,  nichts  Brauchbares
mehr  leisten  zu  können.  Und  doch  sind  sie  meist  noch  nicht
die  Beklagenswertesten  unter  den  Kriegsbeschädigten.  „Jede
innere  Krankheit  ist  ein  größeres  Ubel  als  Einarmigkeit“
(E.  von  Künßberg).  Sicher  gibt  es  eine  große  Anzahl  von
Kriegsbeschädigten,  die  beim  besten  Willen  zu  keiner  anhaltenden
  Arbeit  zu  gebrauchen  sind.  Hier  wird  in  jedem
einzelnen  Falle  besonders  vorzugehen  sein,  um  den  Lebenslauf
  des  Unglücklichen  nach  Möglichkeit  friedlich  und  sorgenfrei
  zu  gestalten.  Im  übrigen  aber  können  wir  zuversichtlich
  behaupten,  daß  nicht  nur  die  Kriegobeschädigten,  die
den  Verlust  von  Gliedern  zu  beklagen  haben,  wieder  in
die  Armee  der  Friedensarbeiter  eingereiht  werden  können,
sondern  auch  die  meisten  derer,  die  an  anderen  schweren
Störungen  des  Körpers  leiden.

Gehörschädigungen  sind  im  Kriege  sehr  häufig.
Durch  die  gewaltigen  Erschütterungen,  Gewehrschüsse,  Granatsplitter,
  durch  Verschüttungen,  auch  im  Gefolge  anderer
Krankheiten  treten  schwere  Störungen  der  Hörorgane  auf.
Wenn  auch  die  ärztliche  Kunst  gerade  auf  diesem  Gebiete
ganz  überraschende  Heilerfolge  zu  verzeichnen  hat,  so  bezieht
  sich  dies  meist  nur  auf  Einflüsse  nervöser  Art.  Verletzungen
  des  inneren  Ohres  bedingen  aber  meist  dauernde
Taubheit.  Da  derartig  Betroffene  zunächst  an  der  Unterhaltung
  ihrer  Umgebung  nicht  teilnehmen  können,  tritt
leicht  Verzagtheit  und  das  Gefühl  der  Hilflosigkeit  ein.  In
den  zur  Hebung  oder  Milderung  dieser  Gebrechen  geschaffenen
  Lehrgängen  wird  darum  vor  allem  darauf  Gewicht  gelegt,
  daß  die  Ertaubten  lernen  die  Sprache  vom  Munde
abzulesen.  Je  weiter  sie  in  dieser  Fertigkeit  fortschreiten,
desto  zufriedener  und  glücklicher  werden  sie.  Der  Berufe,
die  für  einen  Ertaubten  verschlossen  sind,  gibt  es  nur  wenige.
Meist  sind  es  solche  Betriebe,  in  denen  das  fehlende  Gehör
die  Arbeit  an  und  für  sich  zwar  nicht  beeinflußt.  Die  Beobachtung
  der  Maschinen  zwecks  Abstellung  von  Mängeln  und
Fehlern,  die  unter  Umständen  für  die  Umgebung  gefahrbringend
  sein  können,  erfordert  aber  ein  geübtes  Ohr,  das
durch  nichts  ersetzt  werden  kann.

Das  lebhafteste  Mitgefühl  erwecken  die  im  Felde  des
Augenlichtes  Beraubten,  die  Kriegsblinden.  Bedauern
wir  schon  jeden,  der  nicht  sehend  zur  Welt  gekommen
ist,  so  beklagen  wir  die  noch  viel  tiefer,  die  ein  herbes  Geschick
  mit  steter  Nacht  umgab.  Da  es  sich  meist  um  gewaltsame
  Zertrümmerung  der  betreffenden  Nerven  oder  der
äußeren  Sehorgane  handelt,  wird  ärztliche  Kunst  zuschanden.
Es  wird  demnach  fast  immer  die  Aufgabe  zu  erfüllen  sein,
den  gesunkenen  Lebensmut  der  erblindeten  Kriegsbeschädigten
zu  heben  und  sie  einem  lohnenden  Erwerb  zuzuführen.

Für  das  erstere  kann  vor  allem  der  Spruch  als  Richtschnur
  gelten,  der  am  Eingang  einer  Blinden-Arbeitsstätte
zu  lesen  war:  „Die  Blinden  wollen  nicht  bemitleidet  sein!“
Gilt  dieser  Satz,  wie  eingangs  bemerkt,  schon  für  Kriegsbeschädigte
  im  allgemeinen,  so  ist  seine  Befolgung  hier  im
besonderen  Maße  anzustreben.  Wenn  wir  den  Blinden

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helfen  wollen,  so  müssen  wir  vor  allem  billige  Redensarten
vermeiden.  Es  muß  versucht  werden,  die  Bedauernswerten
mit  ihrer  Lage  auszusöhnen,  indem  man  ihnen  zu  der  Überzeugung
  verhilft,  „daß  für  die  Möglichkeit  einer  künftigen
  beruflichen  Selbständigkeit  besteht,  daß  sie  durch  das
Glück  der  Arbeit  ihre  wirtschaftlichen  Verhältnisse  wesentlich
  z  verbessern  vermögen  und  daß  beim  pflichttreuen
Streben  und  Schaffen  Jufriedenheit  und  wahre  Lebensfreude
  ihnen  treue  Führer  auf  ihrem  Lebenspfade  sein
werden.“

Die  Fürsorge  für  die  Erblindeten  wird  darum  schon  während
  der  Heilbehandlung  in  den  Lazaretten  eingeleitet.  Da
gerade  bei  diesen  Kriegsbeschädigten  der  seelische  Zustand
vor  allem  gehoben  und  gefestigt  werden  muß,  tritt  das
werktätige  Schaffen  zunächst  zurück.  Ganz  allmählich  findet
  eine  Überleitung  in  den  künftigen  Beruf  statt.  Dieselbe
  findet  zweckmäßigerweise  unmittelbar  in  einer  Blindenanstalt
  statt.  Die  Zahl  der  sog.  Blindenberufe  hat  sich  ja
in  neuerer  Zeit  erheblich  vergrößert.  Ju  der  Korbmacherei,
Seilerei,  Stuhlflechterei  und  dem  Klavierstimmen  sind
noch  zahlreiche  lohnende  Beschäftigungen  getreten,  deren
Ausübung  Blinden  keinerlei  besondere  Schwierigkeiten  bietet.
  Das  gilt  namentlich  von  den  Arbeiten  in  der  Industrie.
Abgesehen  davon,  daß  in  jedem  größeren  Betrieb  Gelegenheit
  vorhanden  ist,  einen  oder  mehrere  Blinde  nicht  bloß
„unterzubringen“,  sondern  nutzbringend  zu  verwenden,  eignen
  sie  sich  für  außerordentlich  viele  Handwerke,  namentlich
  dort,  wo  es  sich  um  industriellen  Großbetrieb  handelt.
Zahlenmäßig  entstammt  mehr  als  die  Hälfte  der  Kriegsblinden
  der  Industrie  und  dem  Handwerk.  Die
Ankmipfungspunkte  sind  demnach  fast  immer  vorhanden.
  Mit  ihrem  feinen  Tastgefühl  und  der  durch
den  Wegfall  vieler  Ablenkungen  erhöhten  Gründlichkeit
im  Arbeiten  verdienen  die  Blinden  sogar  in  vielen  Fällen
den  Vorzug  vor  normalen  Arbeitern.  Daß  die  Leistungen
durchaus  zufriedenstellend  sein  müssen,  beweist  z.  B.  der
Umstand,  daß  Munitionsfabriken  Blinde  nicht  nur  zum
Zusammenstellen  von  Geschoßteilen,  Einbringen  und  Verpacken
  von  Patronen  u.  a.  m.  verwendeten,  sondern  ihnen  auch
Revisionsarbeiten,  das  Prüfen  von  Schrauben  und  Zünderteilen
  auf  richtiges  Maß  mittels  der  sog.  Lehren  oder
Toleranzkaliber  übertrugen.  Auch  bei  der  Herstelung  elektrischer
  Installationsmaterialien  lassen  sich  viele  Arbeitsvorgänge
  ohne  weiteres  von  Blinden  erledigen.  Da  der
Blinde  viel  besser  auf  Geräusche  und  den  Unterschied  der

Töne  achtet,  hat  man  ihn  schon  seit  langem  im  Klavierbau,

  namentlich  als  Stimmer,  verwendet.  Diese  auf  das
feine  Gehör  sich  stützende  Tätigkeit  läßt  noch  viele  Möglichkeiten
  zu,  z.  B.  bei  der  Herstellung  neuzeitlicher  Musikinstrumente.
  Ferner  gibt  es  Arbeiten,  bei  denen  das  sehende
Auge  oft  Gefahr  läuft,  geschädigt  zu  werden,  z.  B.  bei  bestimmten
  Vorgängen  in  der  Glühlicht-,  Metallfaden-,  chemischen
  und  Glasindustrie.  Hier  sind  sicher  noch  zahlreiche
Arten  der  Betätigung  für  erblindete  Krieger  vorhanden.

Der  blinde  Maschinenschreiber  ist  in  Verbindung  mit  dem
Sprechapparat  (Parlographen)  ebenso  leistungsfähig  wie
ein  Sehender,  und  die  Bedienung  einer  kleinen  Fernsprechzentrale
  kann  ohne  umfängliche  Abänderungen  einem  Blinden
  übertragen  werden.

Ist  demnach  im  Handwerk,  in  der  Indusirie  und  im
Handel  die  Aussicht  einer  ersprießlichen  Tätigkeit  für
Blinde  in  den  verschiedensten  Betrieben  vorhanden,  so  ist
die  Verwendungemöglichkeit  auch  auf  anderen  Gebieten
nicht  ausgeschlossen.  Die  Brauchbarkeit  der  Blinden  zu
landwirtschaftlichen  Arbeiten  hat  sich  bei  vielen  praktischen
Versuchen  erwiesen.  Aber  auch  geistig  Arbeitende  können
eine  ihrem  Bildungsstande  entsprechende  Beschäftigung  finden,
  soforn  ihre  Umgebung  ihnen  Unterstützung  und  Handreichung
  zuteil  werden  läßt.