Full text: Geschichte des deutschen Volkes.

Die Raubktiege Ludwigs XIV. 88 a36 436. 285 
Werkzeuge ihre Hand, diesmal freilich vergeblich. Doch der Einfluß Frank- 
reichs wuchs beständig. Manche deutsche Fürsten bezogen von Ludwig XIV. 
förmlich Jahrgehälter. Osterreich schützte und schirmte das Reich nur, soweit 
sein eigener Vorteil in Frage kam. Denn da es keine deutsche, sondern 
nur noch eine europäische Macht war, so lag ihm Deutschland um seiner 
selbst willen nicht am Herzen. Unter diesen Umständen wäre das durch den 
30 jährigen Krieg tödlich zerrüttete Reich einer Auflösung verfallen, wie sie 
ein Jahrhundert später über Polen kam, hätte nicht im Norden unter 
der weisen und starken Hand des großen Kurfürsten Friedrich Wil- 
belm von Brandenburg, das neue Deutschland, der deutsche Staat, 
ich zu bilden begonnen, von welchem die nationale Wiedergeburt aus- 
gehen sollte. 
2. Bie Ranbkriege Ludwigs XIV. 
§ 436. Die Macht des Hauses Habsburg in Spanien wie in Deutschland 
in Verfall, welche Aussicht für einen König von Frankreich, der wie Lud- 
wig XIV. nach Glanz und Ehren strebte! Welchen seiner Nachbarn er auch 
ins Auge faßte, überall fand er die Wege, Ruhm zu erwerben und Frank- 
reich zu vergrößern, leicht und geebnet. Seinen ersten Krieg — grund= und 
rechtslos begonnen wie alle folgenden, einen Raubkrieg — richtete er gegen 
die spanischen Niederla Pu4S 55er Da ihm die sogenannte Tripel= 
allianz (Holland, England, Schweden) entgegentrat, so begnügte er sich 
im Frieden von Aachen (1668) mit der Abtretung der wichtigen südlichen. 
Festungsgrenze der Niederlande. Bald griff er voll Nache und Haß die 
Republik Holland an (1672), nachdem er ihre bisherigen Bundesgenossen, 
England und Schweden, auf seine Seite gebracht hatte. Ein rascher und 
leichter Sieg schien ihm gewiß, denn mit ihm waren mehrere deutsche Fürsten, 
und diejenigen, die zu Holland halten wollten, wurden durch Ludwigs 
Drohungen geschreckt. So trat keiner von ihnen ins Feld, um den kleinen 
und doch für Deutschlands Grenzschutz so wichtigen Staat nicht in Faank- 
reichs Hände fallen zu lassen, außer dem Kroßen Kurfürsten (von Bran- 
denburg) Friedrich Wilhelm (§5 457). Der Kaiser Leopold freilich sandte 
eine Armee an den Rhein, aber mehr um den Kurfürsten zu hindern als 
um ihn zu unterstützen; hatte doch Leopold sich heimlich gegen Frankreich 
verpflichtet, sich nicht in den holländischen Krieg zu mischen. leichwohl 
gelang es dem triegerisch ausgezeichneten Statthalter Hollands, Wilhelm III. 
von Oranien, die raschen Fortschritte Ludwigs und seiner Generale 
(Condé, Turenne, Luxembourg, Vauban) zu hemmen. Später trat auch 
Spanien und das deutsche Reich dem Kriege gegen Frankreich bei, und nun 
zog sich die ganze Schwere desselben an den Rhein, wo die Wunden des 
dreißigjährigen Krieges erst zu heilen begannen. Ludwig XIV. unterwarf 
die " Städte des Elsaß, über die er bis dahin nur die Landvogtei ge- 
habt hatte (§ 413). Turenne verwüstete die Pfalz — er selbst ist in diesem 
Kriege, 1675, bei Saßbach (nordöstlich von Kehl) gefallen — und die 
deutschen Heere erlitten eine Reihe von Niederlagen. Zucletzt behauptete 
Ludwig XIV. im Frieden zu Nymwegen 1678 und 1679 abermals günstige 
Bedingungen, durch welche ihm von Spanien die Franche Comté (9 252) 
und eine Reihe Orte an der niederländischen Grenze, vom deutschen Reiche 
das sehr feste Freiburg im Breisgau abgetreten, die elsässischen Zehnstädte 
stillschweigend überantwortet wurden. Auch Lothringen blieb vorläufig 
in seiner Hand.