Inhaltsverzeichnis : Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges.

Der  König  in  Breslau.  415

Rußland  die  Weichsel  und  Oder  überschreiten,  den  Krieg  mit  ganzer  Kraft
fortführen  wolle.  Der  Czar  strahlte  von  Zuversicht:  der  König  allein
könne  Europa  retten  oder  für  immer  verderben.  Er  ging  auf  Alles
freudig  ein,  versprach  sogleich  10—15,000  Mann  gegen  die  Oder  zu  senden
und  schätzte  die  Truppen,  die  bald  nachkommen  sollten,  auf  100,000  Mann.
Erst  am  20.  Januar  langte  Natzmer  auf  weiten  Umwegen  wieder  bei  dem
Staatskanzler  an,  da  Eugen  Beauharnais  Verdacht  geschöpft  und  seinen
Truppen  befohlen  hatte,  den  Adjutanten  seines  königlichen  Bundesgenossen
gefangen  zu  nehmen.

Sofort  nach  der  Rückkehr  des  Unterhändlers  wurden  die  Vorbereitungen
  getroffen  für  die  Abreise  des  Königs  nach  Breslau  und  zugleich
befohlen,  daß  alle  irgend  kriegsfähigen  Cadetten  nach  Schlesien  abgehen
sollten.  Der  alte  Commandeur  der  Pflanzschule  des  Offizierscorps  wußte
sich  gar  nicht  mehr  zu  helfen  in  der  wilden  Zeit.  Die  ganzen  Weihnachtsferien
  über  hatten  seine  Jungen  gezecht  und  gejubelt  in  einem  ununterbrochenen
  Siegesfeste  von  wegen  der  Nachrichten  aus  Rußland.  Nun
fuhren  die  Großen  glückselig  in  mächtigen  Korbwagen  die  hartgefrorenen
Straßen  dahin,  den  schlesischen  Bergen  zu;  die  Kleinen  aber,  die  traurig
im  Hause  blieben,  legten  ihr  Taschengeld  zusammen  für  den  heiligen  Krieg,
denn  Niemand  zweifelte,  wem  es  galt.  Am  21.  Januar  feierte  das  königliche
  Haus  die  Confirmation  des  Kronprinzen.  Wie  viele  herrliche,  ach
so  bitter  getäuschte  Hoffnungen  hingen  damals  an  dem  reichbegabten,  geistsprühenden
  Jüngling!  Kein  Auge  blieb  thränenleer;  Allen  war,  als  ob
der  Schatten  der  verklärten  Königin  unter  ihren  Kindern  erschiene,  während
  das  bedeutungsvolle  Bekenntniß  des  Thronfolgers  verlesen  wurde:
„Fest.  und  ruhig  glaube  ich  an  den,  der  zum  Uebermuthe  spricht:  hier
sollen  sich  legen  deine  stolzen  Wellen!  Das  Morgenroth  eines  besseren
Tages  bricht  an.“  Zwei  Tage  darauf  reiste  der  König  plbötzlich  nach
Breslau  ab,  und  hier,  endlich  wieder  auf  freiem  preußischem  Boden,  nicht
mehr  den  Handstreichen  französischer  Truppen  ausgesetzt,  konnte  er  etwas
offener  auftreten.

In  seinen  finanziellen  Maßregeln  war  der  Staatskanzler  freilich  auch
jetzt  wieder  unglücklich;  ein  Versuch  den  entwertheten  Tresorscheinen  durch
den  Zwangscurs  aufzuhelfen  mußte  schon  nach  wenigen  Wochen  zurückgenommen
  werden.  Rascher  schritten  die  Rüstungen  vorwärts.  Der  König
bildete  ein  „Comité  zur  Verstärkung  der  Armee“,  berief  dazu  Hardenberg,
den  Kriegsminister  Hacke  und  Scharnhorst,  dessen  Name  schon  allen  Kundigen
sagte,  daß  es  nunmehr  ganzer,  schwerer  Ernst  war.  Mit  Feuereifer  ging
der  geistreiche  Hippel,  dem  der  Staatskanzler  die  Militärsachen  übertrug,
auf  die  Entwürfe  des  Generals  ein.  Der  Waffenschmied  der  deutschen
Freiheit  sah  nun  endlich  seine  Saaten  aufgehen;  seine  Kräfte  schienen  verdoppelt,
  sein  ganzes  Wesen  gehoben  und  durchleuchtet  von  stolzer  Zuversicht.
Tag  und  Nacht  war  er  thätig,  bald  in  Berathungen  und  Unterredungen