Leopold II. — Die Kriege mit Frankreich 83
ganz unter seiner Aufsicht erziehen zu lassen. Wie es aber Josef II.
nie verstanden hatte, mit Menschen richtig umzugehen, so vergriff
er sich auch stark in der Erziehung seines Neffen. Er wollte den
Knaben blitzschnell nach seiner eigenen Ansicht ummodeln und nahm
nicht die leiseste Rücksicht auf dessen Eigenart; er war ewig unzufrieden
mit ihm und machte ihn damit scheu und verschlossen. Wenig
begabt und hinterhaltig schalt ihn der Onkel; dabei gab sich Erzherzog
Franz redliche Mühe und tat auch bei seiner militärischen Ausbildung,
später noch auf den Reisen durch die Monarchie, seine
Pflicht. Verschlossenheit und Herzenskälte, Früchte dieser rauhen Erziehung
sind sein Leben lang nicht mehr von ihm gewichen. Kaum
vierundzwanzigjährig, 1792, rief ihn das Schicksal auf den Thron.
Fürst Kaunitz lebte noch, bis 1794, aber er war alt und hinfällig
geworden, und von den Männern, die jetzt Minister waren und wurden,
Thugut, Cobenzl, Stadion, war bei aller Tüchtigkeit keiner ein
schöpferisches Genice. Schwere Zeiten kamen für die österreichischen
Erblande, Jahre voll unaufhörlicher Kriege, die zu Tausenden die
Landeskinder dahinrafften und die Finanzen auf den größten Tiefstand
brachten. Die österreichischen Generäle, in der von Friedrich
dem Großen ausgebildeten Kriegskunst groß geworden, keiner von
besonderer Bedeutung, die Melas, Beaulien, Mack, waren einem
Napoleon in keiner Weise gewachsen; der beste von ihnen war der
jüngere Bruder des Kaisers, Erzherzog Karl. So gingen die Feldzüge
trotz mancher bedeutenden Erfolge einer um den anderen verloren,
die Friedensschlüsse von Campo Formio, Lunéêville, Preßburg
und Wien rissen von vier zu vier Jahren (1797, 1801, 1805,
1809) von Österreich neue Provinzen ab, bis es endlich im letzgenannten
Jahre seine größte Schmälerung erfuhr und vom Meere
ganz abgeschnitten wurde; neues und altes Land mußte abgetreten
werden, zu Galizien und Venetien auch noch Tirol. Kaiser
Franz, der standhaft alle Unglücksfälle getragen, wurde noch verschlossener
und kälter, sein Charakter durch diese Schicksalsschläge
in eigentümlicher Weise zugehämmert. Im Jahre 1806 hatte er die
wesenlos gewordene deutsche Kaiserkrone niedergelegt, schon zwei
Jahre vorher, 1804, infolge der Kaiserwerdung Napoleons aber den
Titel eines Kaisers von Österreich angenommen. Damit sollte auch
die Gesamtstaatsidee in den vielartigen österreichischen, böhmischen,
ungarischen Ländern nach außen hin Ausdruck finden.
Da ergriff 1809 Graf Lothar Clemens Wenzel Metternich die
Zügel der Regierung. Metternich (geboren 1773 zu Koblenz) ent-