Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Achter Jahrgang. 1867. (8)

480

Nordd.
Bund.

Uebersicht  der  Ereignisse  des  Jahres  1867.

sammlung,  die  erste,  die  aus  allgemeinen,  directen,  geheimen  Wahlen
hervorgegangen  war,  stellte  in  ihren  fast  300  Mitgliedern  so  ziemlich
alle  Parteien  und  deren  Fractionen,  in  die  die  Nation  selber  zerfiel,
wiederum  dar:  der  Osten,  die  alten  preuß.  Provinzen  hatten  überwiegend
  conservativ,  der.  Westen  und  die  meisten  der  kleineren
Bundesstaaten  überwiegend  liberal  gewählt;  Sachsen  und  die  neu  annectirten
  preuß.  Landestheile  schickten  nur  zum  Theil  particularistisch,
zum  Theil  entschieden  national  gesinnte  Abgcordnete;  selbst  die  demokratisch-socialistische
  Partei  war  durch  einige  Mitglieder  vertreten;
derjenige  Theil  der  früheren  preuß.  Fortschrittspartei,  der  sich  mit
der  Regierung  des  Grafen  Bismarck  auch  jetzt  noch  nicht  aussöhnen
und  auf  die  neue  Lage  der  Dinge  nicht  oder  doch  nur  mit  Vorbehalt
eingehen  wollte,  bildete,  gleichwie  schon  im  letzten  preuß.  Abgeordnetenhause
  nur  noch  eine  ziemlich  beschränkte  Minderheit.  Am  4.
März  legte  Graf  Bismarck  dem  Reichstage  den  Entwurf  der  Bundesverfassung
  vor,  am  9.  begann  darüber  die  Generaldebatte,  die  am
13.  geschlossen  wurde.  Das  Ergebniß  war,  daß  offenbar  die  große
Mehrheit  der  Versammlung  bereit  war,  auf  den  Entwurf  und  die
darin  niedergelegten  Anschauungen  einzugehen,  während  auf  der  andern
  Seite  auch  Graf  Bismarck  sich  keineswegs  abgeneigt  zeigte,  auf
einzelne  Concessionen  sich  einzulassen,  die  allerdings  nicht  auszuweichen
waren,  wenn  er  seinen  Entwurf  im  Wesentlichen  durchsetzen  wollte.
Am  18.  März  trat  der  Reichstag  in  die  Specialdebatte  des  Entwurfs
  ein  und  schon  die  ersten  Abstimmungen  bestätigten  es,  daß
die  große  Mehrheit  nicht  geneigt  war,  den  Entwurf  völlig  abzuändern
  und  ihn  zu  einer  mehr  oder  weniger  regelrechten  Bundesverfassung
  nach  den  Anforderungen  der  Theorie  umzuarbeiten,  sondern
  ihn  auch  ihrerseits  nur  als  ein  Werk  des  Uebergangs  betrachtete,
das  eben  darum  manches  absichtlich  zweifelhaft  ließ,  was  erst  die
Praxis  und  die  weitere  Entwickelung  des  Lebens  selbst  gestalten
müsse,  bis  es  als  feste  Form  und  Norm  auch  in  die  Verfassung
übergehen  könne.  Im  Großen  und  Ganzen  stand  so  eine  überwiegende
  Majorität  auf  Seite  der  preuß.  Regierung,  doch  sank  diese
Majorität  nicht  selten  auf  wenige  Stimmen  herab  und  in  einigen
entscheidenden  Punkten  unterlag  jene  ihrerseits  einer  mehr  oder
weniger  starken  Majorität.  Es  genügt,  die  Hauptpunkte  hervorzuheben.
  Am  19.  März  wurde  beantragt,  wenigstens  eine  Anzahl