Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 9.) 47
Uebertragung wurde schlagend nachgewiesen bei einem 1894 in Brooklyn
abgehaltenen Entomologen-Kongreß, als Professor Smith kalifornische
Birnen zeigte, die er in der nächsten Obsthandlung gekauft hatte und die
mit der Schildlaus, und zwar mit voll ausgewachsenen weiblichen Tieren
und in einigen Fällen auch mit herumkriechenden Larven, schlimm befallen
waren. Solches Obst wird an allen Zügen und in allen großen Städten
verkauft. Die Gefahr der Verseuchung durch Schalen und fortgeworfene
Früchte versteht sich hiernach leicht.“ In der That braucht man sich nur
zu vergegenwärtigen, wie leicht Obstschalen oder faules Obst, die auf den
Kompost- oder Düngerhaufen geworfen sind, von da aus unmittelbar ihren
Weg in die Obstgärten finden und, wenn infiziert, das Insekt verpflanzen
können. Wie lebensfähig das Insekt auch nach einem langen Transport
in den Kühlräumen der Schiffe ist, beweist die Thatsache, daß im Leibe
eines Weibchens der San José-Schildlaus, das in Hamburg aufgefunden
wurde, sich einige 30 schon weit entwickelte und lebenskräftige Junge befanden.
Was die Gefahr der Verschleppung des Insekts durch getrocknetes
Obst betrifft, so sind unsere Sachverständigen darüber einig, daß auf Obst,
das bei 100 Grad Celsius gedörrt ist, die Schildlaus sicher vernichtet ist,
während die Frage der Lebensfähigkeit des Insekts auf in der Sonne getrocknetem
Obst noch zweifelhaft ist und daher zur Zeit eingehend geprüft
wird. Wir haben bei dem Erlaß der Verordnung vom 5. Februar d. J.
das zum Schutz unseres Obstbaues nach den bisherigen Erfahrungen unbedingt
gebotene Maß eingehalten. Die weitere wissenschaftliche Erforschung
der Frage, ob die ergriffenen Maßregeln einen ausreichenden Schutz unseres
Obstbaues gewährleisten, wird fortgesetzt. Wir haben mit dem Erlaß der
Verordnung nur das ganz selbstverständliche Recht jedes Staates ausgeübt,
sich vor Einschleppung von Seuchen — seien es nun Seuchen an Menschen,
Tieren oder Pflanzen — zu schützen, und wir glauben, daß wir hierfür
die Zustimmung aller Parteien des Reichstages finden werden.
9. Februar. (Preuß. Abgeordnetenhaus.) Budgetkommission.
Beratung über Eisenbahnunfälle; Denkschrift der Regierung
darüber.
Der Referent Abg. Möller (nl.) beklagt, daß die Eisenbahnverwaltung
in den schlechten Zeiten nicht für einen den heutigen Verhältnissen
entsprechenden Ausbau der Eisenbahnen gesorgt habe, und daß infolgedessen
im vergangenen Jahre der Wagenmangel und die vielfachen Unfälle vorgekommen
seien. Er wünscht eine Prüfung, ob nicht auf den besonders
verkehrsreichen Strecken eine Entlastung durch den Ausbau von dritten und
vierten Geleisen für den Güterverkehr oder Herstellung von neuen Bahnen
herbeizuführen sei. Es müßte unbedingt darauf Bedacht genommen werden,
daß auf solchen Linien der Personenverkehr ganz vom Güterverkehr getrennt
wird, wie dies in England schon längst geschehen sei. Er regte an
I. schleunigen Umbau der überlasteten Bahnhöfe; 2. Ausbau von dritten und
vierten Geleisen auf den verkehrsreichen Strecken zur Trennung des Personenverkehrs
vom Güterverkehr; 3. Beschleunigung des Wagenumlaufs zur
Beseitigung des Wagenmangels; 4. Beschleunigung des Stückgüterverkehrs;
5. Ausbau von Nebenbahnen zur Entlastung der großen Linien; 6. Vorlegung
eines Eisenbahngarantiegesetzes behufs Trennung der Eisenbahnverwaltung
vom Finanzministerium.
Der Minister der öffentlichen Arbeiten Thielen erklärt, daß in
anderen Staaten, wie Oesterreich, Frankreich, im letzten Jahre Betriebsunfälle
in mindestens ebensolchem Umfange wie in Preußen vorgekommen