Full text: Die Hohenzollern und ihr Werk.

VII. 
Die Erwerbung der Königskrone 
und der Ausbau des militärischen Großstaats. 
1688 -1740. 
Staat und Hof des ersten Königs. 
Vm 18. Jahrhundert und schon seit 1688 hat sich die allgemeine europäische 
J Lage in einer Weise verändert, die für das Aufsteigen des Hohenzollern- 
staates noch günstigere Bedingungen enthielt als die vorangegangene Epoche. 
Der Zusammenschluß und das Erstarken der Seemächte, wie es sich seit der 
Thronbesteigung Wilhelms III. in England allmählich geltend machte, ihr 
Gegensatz zu Frankreich und die große Koalition gegen Ludwig XIV., die in 
dem Spanischen Erbfolgekriege den französischen Ausdehnungsbestrebungen 
Schranken setzte, führte im Utrechter Frieden zu einer Wiederherstellung des 
curopäischen Gleichgewichts in der Weise, daß nun drei große Mächte sich unter- 
einander die Wage hielten und daß das Übergewicht Frankreichs aufhörte, ohne 
daß Osterreich eine für Preußen gefährliche Machtsteigerung erfuhr. Im Norden 
verlor Schweden, das seit dem Dreißigjährigen Kriege so schwer auf Branden- 
burg gedrückt hatte, seine Großmachtstellung, und die Erhebung Rußlands, das 
nun als eine neue große baltische Militärmacht an seine Stelle trat, vernichtete 
zwar die brandenburgischen Hoffnungen auf die Nachfolge in die frühere Macht- 
stellung Schwedens an der Ostsee, brachte aber doch auch dem Hohenzollernstaat 
manche Vorteile, ohne daß zunächst der Druck der russischen Nachbarschaft allzu- 
schwer empfunden wurde, obwohl Polen, das unter den sächsischen Herrschern 
seiner Auflösung entgegenging, seit dem Thronfolgekrieg von 1733 schon mehr 
und mehr in die Abhängigkeit von Rußland zu geraten drohte. 
Die Gunst dieser Lage ist allerdings unter den beiden ersten Nachfolgern des 
Großen Kurfürsten noch nicht voll ausgenutzt worden, und das war auch nicht 
möglich, da ein gewisses Maß von innerer Festigung des Staates dazu gehörte, 
um in durchgreifender Weise sich in den europäischen Angelegenheiten zu be- 
tätigen. Friedrich I. hat sich mit der Erwerbung der Königskrone begnügt, und 
Friedrich Wilhelm I. hat die Odermündungen mit Stettin erworben. Aber er 
hat zugleich durch seine inneren Reformen die Möglichkeit für die weit aus- 
greifende Machtpolitik seines Nachfolgers geschaffen. Erst Friedrich der Große